Samstag, 1. Mai 2010

Es gibt die deutsche Sprache - und die juristische :)

Mal ein wenig Selbstironie ... Obwohl "selbst" nicht ganz paßt, jedenfalls nicht vollständig :). Nur, ab und an muß ich aufpassen, daß sich nicht Rhythmik und Satzbau aus dem Büroalltag in meine private Korrespondenz einschleichen *g*

In 6 Schritten zum juristischen Satz
(von Tobias Henoeckl)

Der folgende Sprachkurs hilft Ihnen, in Sekundenschnelle aus jeder noch so einfachen Aussage einen "perfekten" juristischen Satz zu basteln. Viel Spaß.


1. Schritt: Sie nehmen einen ganz normalen Satz

"Vielen Dank für Ihren Brief. 
Wir beantworten Ihre Fragen,
sobald wir mit Herrn Müller darüber gesprochen haben."

2. Schritt: Sie reichern den Satz mit Substantiven an. Ersetzen Sie einfach alle Verben durch Hauptwörter oder Streckverben. Und vergessen Sie nicht, die Substantive mit der Endung "-ung" aufzublähen. Zum Beispiel:

"Vielen Dank für Ihren Brief. Wir kommen in Beantwortung Ihrer Fragen auf Sie zurück, sobald wir Rücksprache mit Herrn Müller gehalten haben."

3. Schritt: Sie anonymisieren (zur Wahrung des Anwaltsgeheimnisses) den Text.

"Vielen Dank für das vorgenannte Schreiben. 
Die Unterfertigten kommen in Beantwortung der darin aufgeworfenen Fragen auf diese zurück, sobald sie Rücksprache mit dem Mandanten gehalten haben."

4. Schritt: Sie übersetzen alles ins Passiv.

"Für das vorgenannte Schreiben möchten wir uns bedanken. Die Unterfertigten werden in Beantwortung der darin aufgeworfenen Fragen auf diese zurückkommen, sobald unsererseits Rücksprache mit dem Mandanten gehalten werden konnte."

5. Schritt: Sie würzen Ihre Arbeit mit unnötigen Adjektiven und Partizipien.

"Bezugnehmend auf das vorgenannte Schreiben möchten wir uns bedanken. Die Unterfertigten werden in alsbaldiger Beantwortung der darin aufgeworfenen rechtlichen Fragestellungen umgehend auf diese zurückkommen, sobald unsererseits die unverzichtbare Rücksprache mit dem derzeit abwesenden Mandanten gehalten werden konnte."

6. Schritt: Wiederholen Sie abschließend unbedingt noch einmal Schritt 2 bis 5:

"Unter Bezugnahme auf das vorbezeichnete Schreiben möchten wir dankenswerterweise
den Empfang durch unser Haus bestätigen. 
Den Unterfertigten erscheint es bezüglich der im Betreff bezeichneten Angelegenheit gegebenenfalls im Bereich des zeitnah Umsetzbaren, zu den angesprochenen rechtlichen Fragestellungen in alsbaldiger Erledigung der im vorgenannten Schriftsatz aufgeworfenen konkreten Problemkreise in schriftlicher Form Stellung zu nehmen, sobald durch unsere Kanzlei in Bezug auf die von Ihrer Seite geäußerten Anliegen die nach unserem Dafürhalten gebotene Rücksprache mit der derzeit noch auf nicht absehbare Zeit in Abwesenheit befindlichen Mandantschaft gehalten werden konnte."

Kommentare:

  1. Echt genial, mehr fällt mir dazu gar nicht ein xDD

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  2. Ich mußte auch kichern, als ich das Endergebnis las :)

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  3. LOL :)
    Ob man das im Studium und bei der entsprechenden Berufsausbildung wohl in einem speziellen Kurs lernen muss?

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  4. Vermutlich bilden diese 6 Schritte die Grundstruktur eines Kurses, der mit einer schriftlichen Klausur abzuschließen ist *g*

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  5. Argh, die kleine Sey ist schon bei Punkt 2 gescheitert. Ich habe trotzdem verfolgt, wie sich alles weiter und weiter aufblähte. Schönes Geschwafel! *g*

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  6. Das Endergebnis ist schönes "Schrumpfbläh" *g*

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  7. *hilfe* Aber dieses Regelwerk würde so manche unverständliche Briefformulierung erklären ... *g*

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  8. oh graus - aber bei vielen briefen glaubt man das, dass sie genau so geschrieben worden sind!

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  9. *lol*

    Erinnert mich so an manche Hausarbeiten an der Uni, wo ich auch noch Text strecken musste, um genug Seiten zu haben. *lach*

    LG,
    JED

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  10. @andrea, alexandra u. jed
    *schmunzel*

    @alle
    Also im Büro halten wir eher ein *g*

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  11. *hrhrhr* stimmt haargenau! Und das soll noch jemand lesen können wollen...

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  12. Das ist wirklich ein grandioses Beispiel aus dem Kursus "Wie blase ich einen nichtssagenden Text so auf, dass ihn kein Mensch mehr versteht." Lustigerweise beherrschen nicht nur Juristen die Kunst des künstlichen Aufblähens perfekt, sondern auch Kulturwissenschaftler. (Meine Vermutung ist ja immer, dass Letztgenannte ihre ohnehin allgemein gültigen "Erkenntnisse" in unverständliche Sätze verpacken, damit niemandem auffällt, dass sie eigentlich gar nichts zu sagen haben. – Ich muss es wissen, ich bin selbst Kulturwissenschaftlerin! *g*)

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  13. Großartig! :-)
    Liebe Grüße
    wörterkatze

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