Montag, 31. Mai 2010

"Betheljugend - Mehrbett- oder Einzelzimmer?" von Thomas Wiefelhaus

Bei diesem Taschenbuch aus dem BoD-Verlag handelt es sich um eine Leihgabe von Sayuri, danke!


Worum geht es?

Der 14jährige Tomas ist Schüler der 8. Klasse. Seine Mutter hat mit verschiedenen Ärzten über ihn gesprochen, ihn aber nie vorgestellt und ihn nie unterrichtet. Und eines Tagen 1971 wird er abgeholt und in die Männerpsychiatrie nach Bethel verbracht. Er ist der jüngste Patient dort ... Als Minderjähriger hat er auch später in der Klinik gemeinsam mit seiner Mutter an keinem Arztgespräch teilnehmen dürfen. Nach Jahren versucht er, herauszufinden, warum er nach Bethel gebracht wurde.

Nachlese
Obwohl ich Mühe mit dem Sprachstil hatte - der Autor springt in den Zeiten, nutzt Präsens und Vergangenheit, erzählt hauptsächlich aus Drittperspektive - entwickelte die 131 Seiten umfassende Geschichte einen intensiven Sog, der mich weiterlesen ließ und mir eine Gänsehaut bescherte. Der autobiographische  Bericht des Autors ist erschütternd. Im Jahr 1971 ist es offenbar noch üblich, daß - nicht nur minderjährige - Patienten ohne Untersuchungen medikamentös bereits am ersten oder zweiten Tag behandelt werden. Der Patient wird zum Objekt. Ernsthafte Gespräch mit den Patienten finden nicht statt, offenbar gab es weder genügend Ärzte noch Psychologen vor Ort. Dabei versucht der Autor durchaus, die Dinge auch aus der anderen Perspektive zu sehen:   

"Der Junge begriff in diesem Moment, dass er für diese Männer (Pfleger, Anm. Natira) nicht viel mehr als nur ein komischer Vogel war. - Einer, der vollständig krankheits-uneinsichtig, die zu "seiner Gesundung notwendigen Mittel" nicht nehmen wollte. Und vermutlich war er für sich und auch für Ärzte, allein schon deshalb untendurch, weil er sich gegen die Spritze gewehr hatte. Aus ihrer Sicht gesehen, war dieses Wehren eine Gewalttätigkeit. Er konnte also mit Nachteilen bei seiner weiteren Behandlung rechnen" (Quelle: S.63 des vorleigenden Buches)

Tomas erhält nach und nach immer stärkere Medikamente, Antidepressiva... Er erinnert sich nicht an die verschwimmenden Tage und vermutlich nur die Unverträglichkeit einer Medikamentenkombination und das daraus folgende Erbrechen bewirken eine Normalisierung von Tomas' Wahrnehmung und bietet ihm die Möglichkeit, dieser Unterbringung zu entfliehen.

Warum seine Behandlung so verlief, wird deutlich - u.a. Mängel in der psychologischen und psychiatrischen Betreuung, der Unterbesetzung beim Personal -, aber warum er überhaupt in die Männerpsychiatrie eingewiesen wurde, wird in diesem Buch nicht geklärt, aber ein weiteres Buch erscheint nicht ausgeschlossen ...

Kommentare:

  1. Erschreckend! Und gerade in diesem Bereich ist es bestimmt besonders schrecklich, wenn ein Patient nicht einmal weiß, warum er ein "Patient" ist ...

    Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen, dass solche Erlebnisberichte zusammen mit einem professionellen Autor geschrieben würden, denn dann wären sie für einen Leser gewisse besser zu verstehen.

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  2. @Winterkatze
    "...zusammen mit einem professionellen Autor geschrieben.."

    Obwohl ich Mühe hatte, finde ich es gut, daß der Text so persönlich und nah geschrieben ist. Ich stimme Dir aber auch zu, daß es für den "normalen" Leser ohne fachlichen Hintergrund bestimmt hilfreich ist, eine populär-wissenschaftliche Einleitung in die Materie und auch zur zeitlichen Einordnung zu bekommen. Schön wäre z.B. ein erläuterndes Nachwort. Das hätte diesen Erlebnisberiht sehr gut abgerundet.

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  3. Ich unterstelle jetzt einfach mal, dass ein professioneller Autor es geschafft hätte, dass der Text trotz einer besseren Lesbarkeit personlich und emotional geschrieben wäre. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass das ein Thema ist, für das man nicht so schnell jemanden für eine Zusammenarbeit findet ...

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  4. Gutes Argument. Zumal: Der Autor hatte mit den Verlagen zu "kämpfen", möglicherweise wäre auch dies einfacher gewesen, hätte er mit einem professionellen Autor zusammengearbeitet.

    Zumindest bei der Textlänge dieses Buches ging es jedenfalls noch ohne professionelen Autor. Bei längeren Veröffentlichungen stimme ich Dir dann doch vorbehaltlos zu :)

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  5. Mir ging es beim Lesen ja recht ähnlich wie Dir, Natira.
    Man weiss so gar nicht, woran der Junge jetzt erkrankt und ob das eigentlich so gut ist, dass er gehen durfte...
    Bzw. einfach gegangen ist.
    Ja, schwierig, aber in seiner Situation hat er vielleicht gar nicht daran gedacht, einen Co-Autor zu suchen...
    Ich hätte mir auch eine Aufklärung am Ende gewünscht, oder zumindest einen zweiten Teil ;)

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  6. @Sayuri
    Ich habe das Ende auch so verstanden, als würde es einen zweiten Teil geben. Bei BoD war jedoch nur dieses Buch vermerkt. Möglicherweise arbeitet er auch noch daran, keine Ahnung ;)
    Lg Natira

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