Sonntag, 25. April 2010

"Meine Wildkatzen" von Heide-Marie Fahrenholz

Über dieses Buch bin im Internet (klick) während einer googelei gestolpert. Den dort zitierten Text aus "Meine Wildkatzen" fand ich so interessant, daß ich mir das Buch - gebraucht - bestellt habe. Die Ausgabe ist 1980 im Piper-Verlag erschienen und wurde nicht wieder aufgelegt.

Nachlese
Im Umschlagtext heißt es: "Exotische Wildkatzen sind als Haustiere (in den 70er Jahren - meine Anm.) in Mode gekommen. Doch sind diese anmutigen, faszinierenden Geschöpfe mit dem schön gefleckten Fellen als Heimtiere wirklich geeignet? Heide Marie-Fahrenholz  seit ihrer Jugendzeit engagierte Tierfreundin - wurde, mehr durch Zufall und aus Mitleid denn in fester Absicht, Besitzerein eines Zwergozelots ... Sie schildert ... wie es nun wirklich ist, mit einem Oncilla, Margay oder Ozelot im Haus zu leben."

Was mich für Frau Fahrenholz als Erzählerin eingenommen hat, waren ein paar Details im ersten Kapitel: Dort berichtet sie z.B, daß sie als Kind Kanarienvögeln und Sittichen "statt zur vermeintlichen Freiheit zum sicheren Tode verhalf, indem ich mitleidsvoll ihre Käfigtürchen öffnete." Eine andere Episode: "Nach meinem Auflandsaufenthalt schloß ich mein Studium als Übersetzerin ab und arbeitete ein Jahr auf einem Flughafen. Dann wechselte ich zur lukrativeren Tätigkeit eines Photomodells für einige deutsche Modezeitschriften. Ich nehme es mir heute mehr übel den je, wenn mir alte Aufnahmen in die Hände fallen, die mich in Pelzen zeigen."  Sie verschweigt diese Ereignisse nicht, sie beschönigt sie nicht; sie versucht nicht, sie entschuldigend zu erklären. Hier wurde für mich als Leser die Basis dafür gebildet, daß ich der Autorin ihren nachfolgenden Bericht, ihre dort niedergelegten Überlegungen, Empfindungen und Erlebnisse "glaubte". Warum ich das erwähne? Ich habe den Autorennamen gegoogelt und auch "Freundeskreis exotischer Wildkatzen", ein Verein, den die Autorin mitgründete. Heute, 2010, taucht weder der Verein noch die Autorin direkt über die Suchmaschinen auf. Die 70er Jahre und das Veröffentlichungsjahr dieses Buches sind so lange her: Ich kann ohne Zusatzlektüre und weitere Nachforschungen nicht beurteilen, ob die Situation für die exotischen Klein-Wildkatzen so war, wie die Autorin sie beschreibt. Diese Frage habe ich für mich beantwortet.

Frau Fahrenholz beschreibt interessant, welche Erfahrungen sie mit ihrer nach und nach anwachsenden Wildkatzenschaar machen durfte bzw. mußte.Es ist also kein wissenschaftliches Buch über Verhaltensweisen exotischer Wildkatzen in Gefangenschaft, sondern lebensnaher persönlicher Bericht. Natürlich spricht die Autorin an, wie sich die Situation damals darstellte: Der Handel mit Wildkatzen war zur Zeit der Entstehung dieses Buches noch umfangreich erlaubt. Die Tiere wurden in Käfigen, die nur unwesentlich größer waren als sie selbst, importiert und zum Verkauf angeboten. Fellzuchtfarmen wurde aufgebaut, Tierärzte und auch Amtsveterinäre wären häufig uninformiert und überfordert. Verbrauchern, die sich gleichfalls nicht ausreichend vorab informierten bzw. es teilweise auch noch gar nicht konnten, wurden von den Händlern schon mal ein Ozelot als Margay verkauft und umgekehrt. Bereits die Haltung in Privathaushalten - z.B. einer Etagenwohnung - war natürlich nicht artgerecht für eine Wildkatze, aber auch die Zoos lieferten damals kein Vorbild. Die Autorin, die Mitglieder des Freundeskreises exotischer Wildkatzen und weitere Gleichgesinnte kämpften im Grunde ständig gegen diese Umstände an, übernahmen "gestrandete" Wildkatzen, die z.B. von Halter zu Halter weitergereicht wurden, teilweise wegen Kalziummangel verkümmerte Gliedmaßen und häufig seelische Störung entwickelt hatten und denen durchaus auch Krallen und Fangzähne entfernt wurden, um sie "haustiertauglich" zu machen.

Dennoch: Das Hauptaugenmerk des Buches liegt auf den persönlichen Erlebnissen der Autorin mit den von ihr aufgenommenen Wildkatzen, ihre langwierigen Bemühungen, Kontakt zu den oftmals so scheuen Wildkatzen aufzubauen. IDie andauernden Reinigungs- und Renovierungsarbeiten im Hause und der Ausbau des Außengeheges kommen ebenso zur Sprache wie die Gründe hierfür: Massives dauerhaftes Spritzen durch die Katzen, Kotabsetzen - schon mal im Schlafzimmer, wenn man nicht aufpaßt -, das Jagen und Klettern in den Räumen, die Futtervergabe. Der Leser erfährt, wie die Wildkatzen zur Autorin kamen, es geht um Geburt, Leben und Tod. Man spürt, wie nah und verbunden sich Frau Fahrenholz mit den Tieren fühlte, welche Strapazen sie und auch Ehemann auf sich nahmen, um diesen herumgestoßenen Geschöpfen die bestmögliche Unterkunft und Betreuung zu ermöglichen.

Ihre Erzählweise ist lebendig, mit Galgenhumor versetzt, ergreifend. Die Sprache ist angenehm schlicht. Ab und an schweift die Autorin etwas ab, aber dies verzeihe ich ihr bei der Gesamtbetrachtung des Buches gern. Zu erwähnen ist noch, daß diese gebundene Ausgabe  ein wohlwollendes Vorwort des "Katzenpapstes", dem Zoologen und Verhaltensforscher Prof. Paul Leyhausen hat, von etlichen Fotos der bei der Autorin heimisch gewordenen Wildkatzen und einem Anhang (Vergleichstabellen Körpermerkmale und Gewohnheiten von Ozelot, Margay u. Oncilla, Skizze von Kleinkatzenhaus und Außengehege incl. Bepflanzungshinweisen, Ernährung von Kleinkatzen und geeignetes Spielzeug) komplettiert wird.

Kommentare:

  1. Jetzt hat mich deine Rezi noch neugieriger auf das Buch gemacht ... Und oft finde ich gerade die "nichtwissenschaftliche" Perspektive viel reizvoller, weil solche Personen unvoreingenommener an das Thema herangehen als diejenige, die glaube, dass sie doch schon ganz viel aufgrund ihrer Ausbildung und Forschung wissen! :)

    AntwortenLöschen
  2. *macht ein zustimmendes Geräusch* Sie schreibt selbst ab und an, daß sie erst im Nachhinein mehr über bestimmte Verhaltensweisen erfuhr. Manchmal sei sie naiv und unbedarft an die Probleme herangegangen und glücklicherweise ging es häufig glimpflich aus.

    Ich lege es gern auf den WZS-Stapel :)

    AntwortenLöschen
  3. "Ich lege es gern auf den WZS-Stapel :)"

    Das hört sich gut an. :)

    AntwortenLöschen
  4. Jetzt hast du mein Interesse an diesem Buch geweckt ;-)
    Du hast (wie immer) toll geschrieben!
    Ich werde mal sehen, ob ich auch ein Exemplar ergattern kann.

    Dich wird vielleicht das hier interessieren:
    http://meinerasselbande.wordpress.com/2010/01/31/christian-the-lion/
    Aber vielleicht kennst du es auch schon ...

    Liebe Grüße,
    Sylvia

    AntwortenLöschen
  5. "Jetzt hast du mein Interesse an diesem Buch geweckt ;-)"
    Oh schön! Ich hoffe, daß Du es auch so interessant findest! Ich war kurz auf Deiner Seite: Das Video kenne ich noch nicht. Ich werde es mir später in Ruhe anschauen. Die Geschicht klingt jedenfalls wundervoll.
    Lg Natira

    AntwortenLöschen
  6. Die wahre (!) Geschichte IST wundervoll ;-)
    Ich habe auf jeden Fall geheult als meine Bekannte mir den Link schickte ...
    Liebe Grüße,
    Sylvia

    AntwortenLöschen
  7. Ein sehr interessantes Thema, zumal die Wildkatzenhaltung - wenn auch unter geänderten Rahmenbedingungen - ja wieder im Kommen ist. Es gibt soweit ich das weiß zu dem Thema nur zwei Bücher. Das hier beschriebene: "Meine Wildkatzen" von Frau Fahrenholz und "Die zahmen Wilden und die wilden Zahmen" von Maria Falkena-Röhrle. Deren Erzählung bereits einige Jahre früher, in den 60er Jahren beginnt.

    AntwortenLöschen
  8. Hallo Marcus!
    Also ich bin zwiespältig, besonders nach der Lektüre von "Meine Wildkatzen", was die private Wildkatzenhaltung angeht. Ich gebe zu, daß ich in diesem Bereich recht uninformiert bin...Falls es nicht bereits der Fall ist, hoffe ich jedenfalls, daß sich ein privater Halter vorher einer Prüfung unterziehen muß in Bezug auf eigene Kenntnisse, tierärztliche Versorgung in der Nähe, Gehege etc. und daß unangekündigte Kontrollbesuche stattfinden. Wenn schon gewerbliche Halter (Zirkusunternehmen, Zoos etc. ) hier Probleme haben, was KANN das dann für eine private Haltung bedeuten. Wildkatzen könnte es in einer verantwortungsvollen privaten Haltung besser gehen als dort, aber liegt so eine Haltung vor? Wie gesagt, ich bin da recht zwiespältig ...

    Danke übrigens für den zweiten Buchtipp. Ich habe es ersteinmal preisbedingt auf meinen Wunschzettel gepackt :)

    Danke für Deinen Kommentar!

    AntwortenLöschen
  9. Ergänzend empfehle ich gerne:
    http://www.amazon.de/Die-zahmen-Wilden-wilden-Zahmen/dp/3839103835/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1313077569&sr=8-1
    Frau Falkena-Röhrle (ledier 2009 verstorben) hat bereits in den 60ern wilde Kleinkatzen gehalten. Das Buch ist sehr teuer, lohnt sich aber unbedingt!

    AntwortenLöschen
  10. Hallo und Willkommen Andrea!
    Das auch von Dir empfohlene Buch ist inzwischen bei mir eingezogen, ich bin nur noch nicht dazu kommen, hineinzuschauen ...
    Viele Grüße!

    AntwortenLöschen

Einerseits will ich Spam, andererseits Captcha-Codes für Euch vermeiden. Das Experiment mit nur registrierten Nutzern ist leider nicht vollständig geglückt, da ein paar von Euch trotz Open-ID. nicht kommentieren konnten. Also wieder frei für alle und Moderation bei Posts älter als 20 Tag/e. Ggf. muss ich wieder auf vollständige Moderation umstellen, falls der Spam bei aktuellen Posts überhand nimmt.
Wir lesen uns. :)