Freitag, 2. April 2010

"Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer - Eine Biographie" von Erik Lorenz

Das Buch habe ich mir direkt nach der Präsentation durch den Autor auf der Leipziger Buchmesse gekauft. Warum ich überhaupt zu dieser Lesung gegangen bin, steht auch in diesem Messepost 2010 (klick).

Es geht um Liselotte Welskopf-Henrich, Wissenschaftlerin, Autorin, engagierte Kämpferin für die Indianer in Wort und Tat. Vermutlich ist es richtig, daß der Name dieser Autorin von mehreren Indianerbüchern (aber nicht nur) nicht (mehr) so bekannt ist, wie früher. Vielleicht bringt der DEFA-Film "Die Söhne der großen Bärin" eine Erinnerung zum Vorschein. Dieser Film basiert auf dem gleichnamigen Roman der Autorin, die sich jedoch von dieser filmischen Umsetzung distanzierte, da aus ihrer Sicht neben einigen Ungereimtheiten zuviele sachliche Fehler während des Drehs nicht ausgemerzt wurden. Dennoch: Der Titel des Films und des Romans sind identisch und wer weiß: Vielleicht liest/las jemand das Buch, nachdem er den Film mit Gojko Mitic gesehen hat/te und entdeckt/ so die Bücher von LWH.

Es ist zu lange her, daß ich einen Band ihrer Romanreihe um Bärenbande gelesen habe. Ich erinnere mich nicht mehr an ihre Sprache, ihren Stil. Erik Lorenz - und weitere Personen, die er in seinem Buch zu Wort kommen läßt - betonen jedoch immer wieder, daß LWH sich erfolgreich bemühte, klischeebehaftete Darstellungen der Indianer zu vermeiden. Ihre Texte sollen sich vielmehr durch fundiertes Wissen über die Indianerkultur auszeichnen und ihre lebenslange Bewunderung und Leidenschaft für die Indianer vermitteln.

Ich unterstelle dem Autor Erik Lorenz nach der Lektüre seines Werkes, daß er keine klassische Biographie Liselotte Welskopf-Henrichs schreiben wollte (was ja auch bereits der Titel "... und die Indianer" andeutet). Es gibt natürlich die obligatorischen biographischen Informationen über LWH, durchaus auch detaillierter. Dennoch hatte ich ich den Eindruck, daß der Autor hier nicht ganz "mit dem Herzen dabei" war. In den nachfolgenden Kapiteln, in denen es um

- die Bären-Bücher (spielen um 1875, Inhalt, Hintergrund, Film),
- LWH's Reisen in die Staaten und Kanada,
- ihre Kontakte zum American Indian Movement (AIM) und
- ihr jahrelanges stetiges Engagement für die Indianer sowie
- ihren Roter-Adler-Zyklus (Beginn ca. 1965) geht,

vermittelt auch der Autor viel mehr Leidenschaft für die Materie. Erik Lorenz legt Kurzabrisse der Bücher vor, läßt LWH selbst zu Wort kommen, zitiert und verweist auf indianische Sekundärliteratur, vergleicht Romaninhalte und -personen mit Bekannten von LWH und ihren Erlebnissen in Kanada und den Staaten. Ganz interessant fand ich übrigens in diesem Zusammenhang, die authentische "Proklamation: An den Großen Weißen Vater und sein Volk". Diese Proklamation wurde von der American Indian Movement abgegeben, als letztere in einer medienwirksamen Aktion 1969 für 18 Monate die 1964 von der Regierung geräumten Insel Alcatraz besetzten.

Zu Beginn des Buches empfand ich dagegen manche Passagen etwas hölzern, so als müßten sie halt hinein, weil diese Informationen "dazu gehören". Auch hatte ich streckenweise den Eindruck, daß Erik Lorenz Frau Welskopf-Henrich noch verteidigen möchte: LWH genoß Vergünstigungen und Freiheiten in der früheren DDR, die der Autor auch nicht verheimlicht , es auch gar nicht könnte (z.B. die Reisen). Er betont aber immer wieder, daß LWH diese Vergünstigungen für ihr Engagement nutzte. Gut für LWH, wenn sie ihre Position in Bezuge auf ihre wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeit sowie ihr Engagement gegenüber den Indianer ausnutzen konnte. Wenn die Position ihr weitere (private) Vergünstigungen einbrachte, auch gut. Das Leben in der früheren DDR (und wohl nicht nur dort) funktionierte damals und auch später u.a. auf diese Weise! Es mag an meiner ureigenen Leart liegen, daß ich diesen "Verteidigungs- und Entschuldigungsbeigeschmack" auf den ersten 60 Seite empfinde, aber es ja meine Nachlese ;)

Erik Lorenz, geb. 1988, interessierte sich bereits früh für die Indianer Nordamerikas, heißt es auf dem Umschlagtext zu dieser gebundenen Ausgabe. Und dieses Interesse ist, wie gesagt, ab ca. Seite 70 deutlich spürbar und übertrug sich offenbar auch auf seine Beschäftigung mit dem indianischen Teil von Liselotte Welskopf-Henrichs Leben. Daher hat mich "Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer" von Erik Lorenz auch in der Absicht bestärkt, in die Bücher dieser Autorin mal hineinzulesen. Abgerundet wird die "Biographie" übrigens durch ein Vorwort von Herrn Dr. Welskopf-Henrich (Sohn der Autorin), diversen Fotos, dem Nachwort von Frau Dr. Isolde Stark (einer früheren Assistentin der Autorin), einer Danksagung Erik Lorenz und dem Abbildungs- und Literaturverzreichnis. Alles in allem: 3,5 *

Ergänzung 03.04.2010
Da habe ich dieses Buch gerade ausgelesen, in welchem u.a. auch auf die Besetzung von Wounded Knee Bezug genommen wurde (LWH hatte auch diese mitverfolgt und mit sorgenvollem Interesse auch die Schießerei bei der Jumping Bull Ranch, in deren Folge Leonard Peltier verhaftet und verurteilt wurde). Und heute (abgerufen 03.04.10, 16.06) lese ich einen thematisch passenden "Schon gewußt" Artikel in der deutschen Wikipedia über den zu diesem Zeitpunkt dort verantwortlichen und inzwischen verstorbenen Reservationsvorstand Dick Wilson, der extrem autoritär und rigide vorging und dem Korruption vorgeworfen wurde. Zeitliche Zusammentreffen sind manchmal schon erstaunlich.

Kommentare:

  1. Duhu... Was für Sekundärliteratur wird denn da so erwähnt?
    Und ich bin gespannt, was du über dein "Hineinlesen" berichtest, vielleicht wäre das ja auch etwas für mich. ;)

    Und wenn du jetzt auf die Indianer kommst... Da könnte ich dir das eine oder andere empfehlen, auf meinem Rezi-Stapel liegen auch noch zwei tolle Bücher (unter anderem "Apache" von Tanya Landman, mein Kauf in Leipzig).

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  2. Hallo Sey!
    Die Sekundärliteratur umfaßt nicht nur F.J. Cooper, sondern auch wissenschaftliche Abhandlungen und Biographien z.B. über Lame Deer, Medizinmann der Sioux, John Tanner - 30 Jahre unter den Indianern - oder Sabine Claus "Lakota Stories". Gelegentlich schicke ich Dir mal eine ausführlichere Mail...
    Lg Natira

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  3. Ich kann da vielleicht ein wenig nachhelfen, weil Liselotte Welskopf-Henrich auf dem Blog LITTERAE-ARTESQUE eine große Rolle spielt. Da findet ihr auch die Rezensionen zu ihren Indianerromanen mit ausführlichen weiteren Informationen, welche auch auf Erik Lorenz verweisen. Und ein Interview mit Herrn Dr. Rudolph Welskopf.
    http://litterae-artesque.blogspot.de/2013/06/welskopf-henrich-liselotte-die-autorin.html

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    1. Danke für den Tipp zum Interview. Dort habe ich gelesen, dass offenbar auch ebooks "in Plan" sind. Das finde ich recht interessant. ;)

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