Montag, 26. April 2010

"Bummel durch Deutschland" von Mark Twain



Vor kurzem, genauer gesagt am 21.04., hat sich der Todestag Mark Twains alias Samuel Langhorne Clemens zum 100. Mal gejährt. Bereits Anfang des Monats hatte ich mir dieses Büchlein und ein weiteres ("Mark Twain zum Vergnügen") geordert. In meiner Jugend habe ich Tom Sawyer gelesen. Das ist schon so lange her. Mit etwas anderem als Tom Sawyer und Huckleberry Finn sowie dem Yankee an König Arthurs Hof hatte ich Mark Twain gar nicht in Verbindung gebracht. Ich habe ihn schlicht unterschätzt.

Nachlese:
In diesem Büchlein "Bummel durch Deutschland" erzählt Mark Twain von seiner Reise beginnend in Hamburg (nur kurz erwähnt) über Frankfurt, Heidelberg, Heilbronn, auf dem Necker (mit Landgängen) nach Baden-Baden, in den Schwarzwald und zurück nach Baden-Baden. Dieser Taschenbuchausgabe aus dem Piperverlag sind außerdem zwei weitere Texte beigefügt: "Die schreckliche deutsche Sprache" und "Deutsche Zeitungen". Komplettiert wird die Ausgabe durch wunderbare Farbillustrationen von Hans Traxler, und einer Zeittafel. Die von Mark Twain hier beschriebene Reise fand übrigens 1878-1879 statt. Während dieser Zeit besuchte er nicht nur Deutschland, sondern auch Italien und Frankreich. Gustav Adolf Himmel hat die Übersetzung aus dem Amerikanischen vorgenommen. Ob und wieviel an Wortwitz durch die Übersetzung verloren ging, kann ich nicht beurteilen, da ich den Originaltext nicht kenne. Ich finde den vorliegenden deutschen Text jedenfalls gelungen.

Mit dem "Bummel durch Deutschland" habe ich ein interessantes und sehr unterhaltsames Wochenende verbracht.

Nicht nur, daß man über manche Bräuche etwas erfährt,z.B. in den Heidelbergschen Studenten- und Korpskapiteln. Twain schildert auch manch eine deutsche Sage. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, warum Frankfurt Frankfurt heißt: Bereits im ersten Kapitel dieses Reisebüchleins bekomme ich aber eine Erklärung:

"Der Feind war entweder vor ihm oder hinter ihm, aber auf alle Fälle wollte Karl hinüber, und zwar sehr. Er hätte alles für einen Fremdenführer gegeben, aber es war keiner zu beschaffen."

Karl dem Großen, Kaiser der Franken, wurde von einer Hirschkuh eine Furt "gezeigt". Er und sein Heer wateten durch "die Furt der Franken", jawohl.

Der Wortschatz, der von Twain genutzt wird, um z.B. die Lage Heidelbergs und seines Hotels zu beschreiben, ist beeindruckend. Und während man sich in Twains Beschreibung einer realen Landschaft verliert, wird man vom Autor in das Reich der Fantasie entführt, in welchem Raben den armen verirrten Autor verspotten. Die Übergänge zwischen Realitätsbetrachtung und Satire sind fließend, Twains Fabulierfreunde spürbar. Sein Bericht über das "französische Duell" - Heidelberger Kapitel - ist wirklich erheiternd. Ich habe mich herrlich amüsiert über seine nächtlichen Erlebnisse im Hotel, den wirtschaftlichen Überlegungen zu Misthaufen und sein Exposé eines Schwarzwaldromans. Auch als es um die Oper ging, kicherte ich leise vor mich hin:

"An einem anderen Tag fuhren wir nach Mannheim und hörten uns eine Katzenmusik, will sagen, eine Oper an, und zwar jene, die "Lohengrin" heißt ... Die mitleidlose Quälerei hat ihren Platz in meiner Erinnerung gleich neben der Erinnerung an die Zeit, da ich mir meine Zähne in Ordnung bringen ließ"

Dieser Reisebericht - oder die Parodie hierauf - ist wirklich vergnüglich :)

Als ich dann zu dem Text "Die schreckliche deutsche Sprache" kam, habe ich wohl meine Nachbarschaft durch wiederholtes Loslachen irritiert. Ich erspare mir und Euch den Versuch, diesen Text näher zu beschreiben, da er scheitern würde. Wie wäre das dagegen mit einer Kostprobe?

"Es gibt ganz gewiß keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft... Jedesmal, wenn ich glaube, ich hätte einen von diesen vier verwirrenden Fällen endlich da, wo ich ihn beherrsche, schleicht sich, mit furchtbarer und unvermuteter Macht ausgestattet, eine dem Anschein nach unbedeutende Präposition in meinen Satz und zieht mir den Boden unter den Füßen weg ... Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, und die Verteilung ist ohne Sinn und Methode. Man muß daher bei jedem Substantiv das Geschlecht eigens mitlernen... Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, wohl aber ein Kürbis. Welch übermäßige Hochachtung vor dem Kürbis und welch kaltherzige Mißachtung der unverheirateten jungen Dame sich hier verrät. Ein Baum ist männlich, seine Knospen aber sind weiblich und seine Blätter sächlich..." 

Wer Mark Twains Beurteilung der deutschen Sprache noch nicht kennt, dem kann ich diesen Text nur empfehlen. Er ist gleichzeitig lehrreich und erheiternd.

*
Die angeführten Zitate stammen aus der Piper-TB-Ausgabe, 7.Aufl. 2006, ISBN: 978-3492247672. Im Orignal kann man "A tramp abroad" incl. der Ausführungen zur deutschen Sprachen bei gutenberg.org (klick) lesen.

Kommentare:

  1. Ach, du bist schrecklich! Meine Irgendwann-unbedingt-lesen-Liste wächst stetig! Vor allem, bei den Büchern, bei denen man merkt, dass du dich gut amüsiert hast. :)

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  2. *gggnnnn*

    Ich ergebe mich! Soll ich einen Schwertransporter für den Stapel bestellen? ;)

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  3. Ach was, ich schicke den hiesigen freundlichen Postboten, der bestimmt schon Chokri bestellt und vernascht hat, dem tut das dann gut :)

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