Montag, 8. März 2010

"Im Königreich der Kälte" von Nick Lake

Animiert durch den neuerlichen Wintereinbruch habe ich mir am Sonntag dieses Buch aus dem TuB gezogen. Eigentlich wollte ich es für den nächsten Winter liegen lassen ;). Nun ja ...

Worum geht es?
Der Roman beginnt mit einer Beerdigung: Die 12jährige Light, ein ungewöhnliches Albinomädchen, nimmt an der Beerdigung in absentia ihres Vaters Gordon teil. Ihr Vater ist ein Wissenschaftler und hat sich bereits seit Monaten nicht mehr aus der Arktis zurückmeldet. Damit das Anwesen nebst Villa (incl. Geheiminis) gehalten und Light versorgt werden kann, wurde ihr Vater schon nach einem halben Jahr für tot erklärt. Der Freund ihres Vaters Butler wird ihr Vormund und Verwalter des Vermögens. Nach der Beerdigung wird Light von seltsamen Wesen verfolgt, die definitiv nicht menschlich sind, und zudem von einem sprechenden Falken angegriffen. Ebenso ungewöhnlich wie ihre Verfolger, sind ihre Beschützer: neben Butler taucht ein Rabenschwarm und ein Tupilak auf. Light erfährt, daß ihr Vater noch lebt und von "Frost" gefangengehalten wird, einem mystischen Wesen, dessen Herrschaftsbereich der Norden ist. "Frost" entführt gleichermaßen Menschen wie Meerestiere, weshalb die Meergöttin Setna den Tupilak geschickt hat, um Light in die Arktis zu holen. Offenbar soll Light in der Lage sein, Frost zu besiegen und zu töten. Zusammen mit Butler und Tupilak macht sich Light auf den Weg in den hohen Norden ...

4,0* Nachlese
Den Sonntag habe ich damit verbracht, dieses Jugendbuch aus dem Pan-Verlag zu lesen. Die Hardcover-Ausgabe des Romans, erschienen November 2009, ist traumhaft gestaltet. Bereits das Cover vermittelt, worum es geht: blau-weiße Eiskristalle der Urkälte, das Mädchen Light und die mystischen Wesen Rabe und Tupilak allesamt in einem weit aufgerissenen Fischmaul. Die einzelnen Teile des Buches werden von dem Fischmaul eingeleitet, den einzelnen Kapiteln sind Gestalten oder Gegenstände (ein Bär, ein Iglu etc.) vorangestellt. Die Schrift ist angenehm groß und nicht nur für jugendliche Leser gut geeignet ;)

Der britische Autor ist Jahrgang 1979, hat Englisch und Linguistik studiert und als Lektor für Kinderbücher gearbeitet. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Sabine Reinhardus und ich habe keine Brüche im Erzählfluß bemerkt.

Lights Geschichte hat mich umgehend in ihren Bann gezogen. Ich war als Kind bereits Fan von griechischen und römischen Göttergeschichten und hier wurde ich in eine neue Welt entführt: Die Welt der Kälte, der Inuit und ihrer Sagen. Daß es sich bei dem vorliegenden Roman um ein Jugendbuch handelt, bemerkt man an der Sprache und den Beschreibungen. Besonders die Schilderung der Schiffsreise bis nach Iqalut empfand ich als unschuldig kindgerecht. Aber so bleibt es nicht "Im Königreich der Kälte": Light muß unterschiedliche Herausforderungen überwinden, trifft übermächtige Wesen, muß sich der der Eiswüste stellen und Entscheidungen treffen.

Es ist ein märchenhafter Roman, doch an manchen Stellen geht Nick Lakes Fabulierfreunde mit ihm durch. Während eine 11jährige Flavia in "Mord im Gurkenbeet" ein sehr spezielles Wissen der Biologie und Chemie hat, ist Light bei Einführung des Charakters eine intelligente und normale 12jährige. Nach und nach wird dann offenbart, daß sie durch ihren Vater und Butler verschiedene Fertigkeiten erlernt hat, wozu immerhin die Sprache der Inuit gehört (allerdings stammt Light mütterlicherseits auch von den Inuit ab). Nick Lake bringt Light in Situationen, die ungewöhnliche Entscheidungen und Fertigkeiten verlangen, welche Light machnmal erstaunlich leicht fallen (Anweisungen auf Schiff, Marine-Morse-Code etc). Und ich muß gestehen, daß ihre Ausbildung an der Waffe - selbst im Rahmen des Überlebenstrainings für die Arktis - doch meine Augen größer werden ließ.

Auf der anderen Seite gelingt es dem Autor, stimmungsvoll den Norden zum Leben zu erwecken und nebenbei auch das schmelzende Packeis anzuführen, ohne dabei belehrend zu wirken. Voller Poesie werden Legenden der Inuit erzählt, werden nicht nur der Rabengott, die Mondgöttin, die Meeresgöttin veranschaulicht, sondern auch Einstellung der Inuit zum Leben: "Obwohl wir wissen, dass alles Lebende eine Seele besitzt, eine inua, können wir hier nichts anbauen und ernten, sondern müssen andere Lebewesen töten, um zu überleben. Daher ist die Angst unser ständiger Begleiter, denn wenn es uns nicht gelingt, die Seelen der getöteten Tiere zu besänftigen, hat das schlimme Folgen für uns ..." zitiert der Schamane Tal für Light.

Und, zauberhaft wie ich finde:

"Lieder sind die Seele, die man mit dem Atem heraussingt. 
Ein Sänger hat keine Macht über sein Lied, sondern treibt darin wie ein Eisberg in der Strömung. 
Aus diesem Grund hat Tulugaq uns die Lieder gegeben, damit wir die Seelen miteinander tauschen können."

Eine Leseprobe findet Ihr übrigens hier (klick).

Alles in allem wie für "Flavia" auch hier 4,0 - nicht schmelzbare -Sterne aus Schnee und Eis

Was mit noch aufgefallen ist:
Die Altersangaben verwundern mich immer wieder. Dieser märchenhafte Roman, der durchaus dunkle Elemente hat, wird für Leser ab 14 empfohlen, "Der Maskenmörder" von Nina Blazon, der in meinen Augen erheblich dichter und komplexer war, bereits für Leser ab 12. Ich wüßte gern, nach welchen Kriterien diese Abstufung und Bewertung vorgenommen wird. Ich gestehe allerdings, daß ich diesen sicherlich schwierigen Part nicht übernehmen wollte...

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