Mittwoch, 17. März 2010

"Draußen vor der Tür und Ausgewählte Erzählungen" von Wolfgang Borchert

Nachlese
Wolfgang Borchert war mir noch aus meiner Schulzeit ein Begriff. Ich erinnere mich aber nicht, in der Schule etwas von ihm gelesen zu haben. In diesem kleinen Büchlein - ich habe die ältere Ausgabe aus dem rororo-Verlag - sind das Drama "Draußen vor der Tür" und 14 weitere Erzählungen enthalten, nämlich
- Stimmen sind da in der Luft - in der Nacht
- An diesem Dienstag
- Mein bleicher Bruder
- Nachts schlafen die Ratten
- Die lange lange Straße lang
- Lesebuchgeschichten
- Die Hundeblume
- Schischyphusch
- Die Küchenuhr
- Das Brot
- Die drei dunklen Könige
- Generation ohne Abschied
- Dann gibt es nur eins!
- Das ist unser Manifest.

Eine Gänsehaut hinterläßt das dünne 120 Seiten umfassende rororo-Heft incl. eines Nachwortes von Heinrich Böll vom 06.08.1955.

Wolfgang Borchert wurde 1921 in Hamburg geboren. 1941 kam er an die Ostfront. Die Briefe des 20jährigen Soldaten Borchert brachten ihn für 8 Monate in ein Militärgefängnis. Er wurde zum Tode verurteilt, jedoch "begnadigt" und zwecks Bewährung an die Ostfront entlassen. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit wurde er untauglich entlassen, da er aber weiter den Staat anprangerte kam er alsbald wieder in Haft. 1945 kam er nach Hamburg zurück, schrieb Erzählungen, Gedichte. Er ging zu einem Kuraufenthalt 1947 in die Schweiz, wo er am 20.11.1947 verstarb, 26 Jahre jung.

Unter anderem in dem Drama "Draußen vor der Tür" verarbeitet Borchert seine Kriegserfahrungen. Unteroffizier Beckmann kehrt mit zerschossener Kniescheibe nach drei Jahren aus Sibirien zurück, wo er ein Kommando anführte, 11 Männer sind unter ihm gestorben. Seine Frau hat einen anderen Mann, sein Kind ist schon vor zwei Jahren verstorben. Beckmann will sich umbringen, aber die personifizierte Elbe spült ihn wieder an Land. In Zwiesprache mit "dem Anderen", einer Projektion seines Selbst, versucht er einen Neuanfang: Er wird kurz von einer anderen Frau aufgenommen, aber auch dort gibt es einen heimkehrenden einbeinigen Mann, der - wie Beckmann zuvor - seine frühere Wohnung wieder verläßt, weil er dort jemanden vorfindet und, wie sich später herausstellt, sich umbringt. Es ist einer von Beckmanns Untergebenen und so flieht Beckmann gleichfalls aus diesem Haus, von Schuldgefühlen geplagt. Auch Beckmanns Versuche, sich Gehör zu verschaffen, bei seinem kommandierenden Oberst - der ihn für eine Lachnummer hält und sich nichts annimmt -, bei einem Theater (Borchert selbst war Kabarettist) scheitern, nicht einmal in die familiäre Geborgenheit bei seinen Eltern kann er zurück, beide sind inzwischen gestorben.

Durch Personifiezierungen des Todes, Gottes, der Elbe und eines Teils seiner Selbst, in Verbindung mit den weiteren Akteuren des Dramas bringt Borchert mehrere Aspekte sowohl des Krieges, als auch der Nachkriegszeit zum Ausdruck. Seine Figur kann Zwiesprache halten mit sich, er ist Opfer und wird jedes Mal ein wenig mehr getötet nach seinem Selbstmord. Zugleich läßt Borchert seinen Beckmann sich aber auch  mit sich selbst als Täter auseinander, ein Todesreigen. Borchert vertieft dieses - wie auch in den weiteren Erzählungen- durch Wiederholungen von Wörtern, ganzen Sequenzen, fast Zusammenfassungen im weiteren Verlauf des Dramas und auch durch den intensiven Gebrauch von Bindewörtern. Dieser Schreibstil war für mich doch sehr gewöhnungsbedürftig und hat den halben Stern Abzug gebracht. Trotz dieser für mich vom Schreibstil her mühsameren Lektüre sind die Erzählungen und das Drama inhaltlich dicht, komplex, bewegend. Meine Eltern haben mir auszugsweise von ihren Erlebnissen berichtet, Vati war vor Stalingrad, Mutti ist aus dem heutigen Polen mit der Familie geflohen, die Thematik war mir vertraut. Und so grausam und furchtbar die Erlebnisse waren - und auch, sie zu hören -, wünschte ich mir, ich hätte meinen Eltern besser zugehört, mehr gefragt. Vielleicht hätten sie nicht mehr erzählen wollen, vielleicht ja...

Von den Erzählungen rührte mich insbesondere "Die Hundeblume" an, in der Schilderung der furchtbaren Haftsituation findet Borchert einen Sonnen-Hoffnungstrahl. "An diesem Dienstag" und "Lesebuchgeschichten" sind nicht nur erschütternd, sondern auch stilistisch für mich interessant gewesen. Die Geschehnisse an diesem Dienstag an verschiedenen Orten werden verbunden von den Schreibübungen eines Kindes bis hin zu dem Unterarzt in einem Lazarett. Die Lesebuchgeschichten fangen mit einem Absatz über einen Erfinder, einen General und einen Fabrikbesitzer an und führen über grausige Arithmetik in das Jahr 5000.

Kommentare:

  1. Das klingt unerwartet gut!
    Ich hab zu Hause noch das Gesamtwerk von ihm stehen. Als wir damals in der Schule "Jakob der Lügner" lasen, kamen wir irgendwie auf Wolfgang Borchert zu sprechen und unsere Lehrering legte uns ganz besonders "Die Hundeblume" ans Herz. Als ich dann dem Buch zufällig über den Weg lief, hab ich gleich zugegriffen, konnte es bisher aber noch nicht lesen. Aber jetzt werd ich es wohl etwas vorziehen müssen. (:

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  2. Hallo Shiku!
    Ich gebe gern zu, daß ich diese "Sammlung" nicht gelesen hätte ohne Hollys Challenge. Und deswegen ist Hollys Idee auch so großartig gewesen und die Challenge hat sich für mich schon wegen Borchert gelohnt. Auch wenn die Kost naturgemäß nicht leicht war ;)
    Lg Natira

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  3. Ich wär wahrscheinlich auch nie auf den Gednaken gekommen, wenn meine Lehrerin nicht so begeistert gewesen wäre. Im Grunde haben wir einen sehr unterschiedlichen Buchgeschmack, aber ab und an konnte sie mich ja doch anstecken. (:
    Nach leichter Kost klingt es wirklich nicht ... Aber ich glaub, wenn man sich schön mit lockeren Büchern vorbereitet, kann man auch mal sowas lesen. -lach-

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  4. Oho, Borchert - fand ich schon in der Schule sehr erschreckend und berührend, besonders nah sind mir die Geschichten dann aber nochmal gegangen, als ich sie später als Erwachsene nochmal gelesen hab. Es macht alles nochmal schlimmer, wenn man weiß, dass die Welt ein gar schrecklicher Ort ist!

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