Sonntag, 14. Februar 2010

"Die Schlinge" von Rolf Henrich

Im Büro bin ich über eine Anzeige zu diesem Buch gestolpert und habe mir den Titel notiert. Als mir meine handschriftliche to-read-Liste letztes Jahr in die Hände fiel, habe ich den Roman von Rolf Henrich bestellt. So recht heran an das Thema wollte ich aber lange nicht ... bis gestern.

Worum geht es?
"Mein Name ist Lukas Wolfskehl. Ich bin Teilhaber einer Anwaltskanzlei in Frankfurt/Oder. Tätigkeitsschwerpunkt: Strafverteidigungen. Autoklau, Menschenhandel, Vergewaltigung, Ausländerfeindlichkeit, Drogen, was eben in einer Grenzstadt im Osten so anfällt. Den Fünfzigsten habe ich hinter mir. Seit geraumer Zeit bemerke ich, wie ich älter werde. Unübersehbares Anzeichen dafür ist der Umstand, daß mich selbst die spektakulären Verbrechen in meiner Praxis kaum mehr überraschen". 


Lukas Wolfskehls empfindet seine Arbeit immer mehr als Routine, wird zynisch. Als ihn sein langjähriger Freund Paul Schumann bittet, den General a.D. Donath zu verteidigen, übernimmt er widerwillig und nur aus Freundschaft dieses Mandat. Donath wird angeklagt, für mehrere Todesfälle an der innerdeutschen Grenze verantwortlich zu sein, zwar nicht aktiv als Schütze, doch als Befehlsgeber. Wird sich der totkranke Donath der strapaziösen Verhandlung stellen? Ist er schuldig? Nach dem Gesetz? Moralisch? Wie sieht Donath es selbst?


4,0 * Nachlese
Es ist ein dichtes Buch mit (nur) 165 Seiten, das der Frankfurter Anwalt und Bürgerrechtler Rolf Henrich 2001 im Eichborn Verlag Berlin veröffentlicht hat. Hardcover in schlichtem Schwarz, festes Papier, der Schutzumschlag zeigt einen Grenzabschnitt. Rolf Henrich ist Jahrgang 1944 und Mitbegründer des "Neuen Forums". Einen kleinen biographischen Abriß mit der Auflistung seiner Werke findet man hier in der deutschen Wikipedia (Quelle: Seite „Rolf Henrich“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Dezember 2009, 10:53 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rolf_Henrich&oldid=68515091 (Abgerufen: 14. Februar 2010, 18:05 UTC) 

Ganz kurz etwas zur Sprache. Wie man dem Zitat entnehmen kann, wird der Roman aus der Ich-Perspektive von Lukas Wolfskehl erzählt. Daß der Autor Anwalt ist, spürt man insbesondere in den Kapiteln, die sich mit den Gedanken des Protagonisten zur Arbeit befassen und natürlich in den Kapiteln, in denen es um die Verhandlung geht; auch ansonsten gibt es Bandwurmsätze. Ab und an unterbrochen von direkter Rede wechselt der Autor zwischen Eigendarstellung (siehe oben) und Schilderung von Gedankengängen ("Wirklich human. Reizladung. Plastesplitter..."). Vereinzelt wurde der Autor, hm - lyrisch, was er meiner Ansicht nach jedoch besser lassen sollte ("In der schwarzen Dichte dampfte der Nebel herauf und strich schwadig durch das Gesträuch").

Der Roman schildert vorrangig den Verlauf des Mandates. Dadurch erhält man als Leser einen gewissen Einblick in die Büroarbeit eines Anwaltes, das Auftreten vor Gericht, Arbeitsweisen. Wie gesagt, das Buch ist "dicht". Henrich geht z.B. der Frage nach, wie es nach dem Recht der BRD möglich ist, Verantwortliche für die Tötungen an der innerdeutschen Grenze zu bestimmen und zu bestrafen, die doch bei Ausübung der Tat einem anderen Staats- und Rechtssystem unterstanden. Mit dem General Donath a.D. läßt er einen Angeklagten auftreten, der sich der kräftezehrenden Verhandlung in der Öffentlichkeit stellt und sich nicht durch behauptete oder tatsächliche Verhandlungsunfähigkeit der Rechtsprechung entzieht. Einsicht in die Schuld zeigt Donath im Sinne des Gesetzes nicht, hat er doch einen Eid (DDR Nationale Volksarme) geschworen, den es zu halten galt.

Der Roman hat mich angestrengt, hat mich mitgenommen.

Zum einen fällt es mir schwer, die emotionale Distanz nachzuvollziehen, die es einem Anwalt ermöglicht, die Verteidigung in den eingangs zitierten Strafsachen vorzunehmen. Dies ist auch der Grund, weshalb mich die sachliche Schilderung zur Funktionsweise der Selbstschußanlagen und der Splitterminen durch den sachverständigen Zeugen im Verhandlungstermin stört und ich den in diesem Zusammenhang geschilderten Einwurf zum Test der Funktionstüchtigkeit (Rehe, Wild, HO-Gaststätten und verhaltenes Lachen der Zuschauer im Saal) als völlig unangemessen und widerwärtig empfinde. Da der Autor selbst auch Mauerschützen verteidigt hat, hoffe ich einfach, daß diese Schilderungen nicht auf seinen realen Erfahrungen im Gerichtssaal beruhen.

Des weiteren: In unserem Rechtsstaat haben Opfer und Täter Rechte, wird u.U.auch letzterer durch das Gesetz geschützt, welches eigentlich die Grundlage seiner Strafe bilden soll. Der Rechtsstaat entspricht nicht immer dem Gerechtigkeitsempfinden, was zwiespältig zurückläßt. So manches Mal habe ich auch im Büro oder während einer Berichterstattung gesagt bzw. gedacht "Das ist ungerecht und nicht richtig!" Mein Gerechtigkeitsempfinden wurde geprägt durch mein Umfeld. Letzlich ist es subjektiv, auch wenn es mit demjenigen vieler Menschen konform geht. Gerade dieses Buch zeigt aber erneut, wie schwierig die Rechtsfragen und die Abgrenzungen sind.

Donath handelte nach seiner Überzeugung in Einklang mit seinen Befehlen; welches Urteil würde er als gerecht empfinden? Militärisch gesehen ist die Befehlskette unumgänglich, die Schutzbehauptung z.B. der Todesschützen, man habe nur Befehle befolgt, verwundert also nicht. Kommt dann noch Ideologie hinzu, wie groß ist dann noch die Fähigkeit zur Schuldeinsicht? Ich will auf folgendes hinaus: Empfinden die Mauerschützen ihre Urteile und Strafen als gerecht? Empfinden die Opfer und deren Angehörige es als gerecht, daß etliche Oberbefehlshaber, insbesondere Erich Honecker, aufgrund rechtsstaatlicher Vorschriften sich den Strafen entziehen konnten? Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit - Was ist mit Politikern und politischen Entscheidungen außerhalb der DDR (und außerhalb der weiterer Staaten des früheren Warschauer Paktes), durch die die DDR etc. mit am Leben gehalten wurde ...

"Die Grenze: das ist für die Journalisten bestenfalls ein staatsrechtlicher Begriff, mit dem sie herumhantieren, als sei sie ein leicht verständlicher Gegenstand. Doch sie ist es nicht. Denn an jeder Grenze kämpft Gutes gegen Gutes, Böses gegen Böses, Gutes gegen Böses und Böses gegen Gutes. Und nicht selten vermischt sich das Gute mit dem Bösen. Es war eine verschlungene, tausendfach verdrehte Grenze, deren wahre Gestalt wir niemals zu Gesicht bekommen werden. Die Grenze war die Schlinge. Um jeden Hals. Sie war der Ausnahmezustand, der alle in Schach gehalten hatte und immer noch hielt."

Die kursiven Zitate sind sämtlich dem mir vorliegenden Roman "Die Schlinge" von Rolf Henrich entnommen.

Inhaltlich 5 Sterne, sprachlich gibt es von mir einen Abzug: 4,0*

Hansgeorg Bräutigam beschäftigt sich hier mit  "Die Toten an der Berliner Mauer und an der innerdeutschen Grenze und die bundesdeutsche Justiz. Versuch einer Bilanz".

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