Donnerstag, 14. Januar 2010

"Das Mädchen mit den funkelnden Augen" von Tracy Chevalier

Das Taschenbuch, erschienen Dezember 2009,  wurde mir vom List Taschenbuchverlag (Ullstein Bücherverlage) als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. An den Verlag an dieser Stelle noch einmal vielen Dank!

Worum geht es?
Der Roman spielt in England von 1792 - 1793. Die Familie Kellaway zieht nach dem Tod des Sohnes Tommy vom Land nach London; der Zirkusinhaber Philip Astley hat dem Stuhlmacher Thomas Kellaway einen Job in Aussicht gestellt. Seine Frau Anne, seine knapp 15jährige Tochter Maisie und sein fast 13jähriger Sohn Jem begleiten ihn und müssen sich in das Londoner Leben einfinden: Enge, viele Menschen, die Luft, der Lärm, die Häuser... Maggie Butterfield, ungefähr in Jems Alter, ist vor Ort, als die Kellaways ihr neues Heim beziehen. Sie werden Nachbarn des als seltsam angesehenen Mr. William Blake, der ganz offen mit den in Frankreich propagierten Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sympathisiert. Maggie ist auf den ersten Blick ein gewitztes, spöttisches und vorlautes Londoner Straßenkind, das zwar nicht lesen kann, aber andere Qualitäten besitzt, die es zum Überleben in London befähigen und bereits eine traumatische Erfahrung gemacht hat. Der Vater Kellaway bekommt Arbeit als Zimmermann im Astleyschen Zirkus, die frühreife Maisie gerät ins Visier von John Astley, Philip Astleys Sohn. Besonders Jem, der seinen Vater hilft, und Maggie, die alsbald in einer Fabrik arbeitn wird, freunden sich an und treffen immer wieder mit Mr. William Blake zusammen. Und so geht ein Jahr "ins Land" und viele Dinge verändern sich ...
Der erste Satz:

"Es war eine demütigende Erfahrung, in einer geschäftigen Londoner Straße wartend auf einem Pferdewagen sitzen zu müssen, um sich herum sämtliches Hab und Gut aufgetürmt, das nun den Blicken der Gaffer preisgegeben war."

3,0 *Nachlese
Ich bin ein wenig ratlos, muß ich gestehen.

Die Wahl des Titels "Das Mädchen mit den funkelnden Augen" zusammen mit dem Klappentext "Doch dann begegnet sie (Anm: Maggie) dem Dichter William Blake, der ihr die Tür zu ganz neuen Welten aufstößt" weckte in mir bestimmte Erwartungen. Ich wollte etwas über ein junges Londoner Mädchen lesen, welches William Blake und durch ihn eine neue Welt oder eine Sichtweise kennenlernt, möglicherrweise seine Ideale teilen lernt oder ihn  zu einem Gedicht/Gesang/Bild etc.inspiriert (und sich so auch der Titel des Romans ergibt); möglich, daß ich auch mehr über William Blake selbst erfahre ...

Wie gesagt, dies hatte ich erwartet. Was ich bekam war ein - durchaus interessanter - Einblick in das Leben der Familie Kellaway (Maisie und Jem insbesondere) und in dasjenige der Familie Butterfield (insbesondere Maggie). Als Bonus gab es etwas über den Astleyschen Zirkus zu erfahren und ja, auch etwas über William Blake incl. einiger Zeilen seiner Gedichte und philosophischer Gedanken (Gegensätze), es blitzten auch die französischen Unruhen und die Loylistenbewegung in England auf.

Obwohl die Autorin - und die Übersetzerin Ursula Wulfekamp - eine klare Sprache pflegen, die mich auch problemlos in das Geschehen einführte und festhielt, war das Erlebnis letztlich  für mich frustrierend. In meinem Hinterkopf blieben über die gesamte Lektüre hinweg die erwartungsbedingten Fragen: Was hat es mit dem Mädchen (Titel) auf sich? Findet jetzt der engere Kontakt mit William Blake statt? Was wird Maggie (oder Maisie) hierdurch "entdecken" und lernen? Antworten auf diese Fragen bekam ich leider nicht.

Auf der Homepage der Autorin Tracy Chevalier fand ich zu diesem Buch folgende Inhaltsangabe:

"Burning Bright follows the Kellaway family as they leave behind tragedy in rural Dorset and come to late 18th-century London. As they move in next door to the radical painter/poet William Blake, and take up work for a near-by circus impresario, the youngest family member gets to know a girl his age. Embodying opposite characteristics – Maggie Butterfield is a dark-haired, streetwise extrovert, Jem Kellaway a quiet blond introvert – the children form a strong bond while getting to know their unusual neighbor and his wife."

Ein solcher deutscher Klappentext zusammen mit dem deutschen Titel der gebundenen Ausgabe hätten meine Erwartungen möglicherweise in die "zutreffende" Richtung gelenkt, aber das kann ich ich im Nachhinein nicht definitiv sagen. .

Ich fand die Geschichte durchaus unterhaltsam. Sie hält meinem Vergleich mit "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" derselben Autorin allerdings nicht stand. Während sich T. Chevalier dort auf Griets Kosmos (und Vermeer) konzentriert, finde ich vorliegenden Roman zwar mehr Hauptcharaktere vor, jedoch nicht so intensiv gezeichnete.

Schade. 3,0 Sterne

Was mir noch auffiel:
Ich habe keinen Zusammenhang zwischen dem Taschenbuch-Titel und dem Roman gefunden. Die gebundene Ausgabe trägt den Titel "Die Lieder des Mr. Blake" trägt - der deutlich besser paßt. Die Originalausgabe heißt  "Burning Bright" und bezieht sich auf das Blakesche Gedicht "tyger tyger burning bright". Möglicherweise sollte mit der Taschenbuch-Titelwahl an "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" erinnert werden...

Kommentare:

  1. Ich muss gestehen, dass ich mich weder von der englischen, noch von der deutschen Inhaltsangabe so richtig angesprochen fühle. ;)

    Aber über die deutschen Titel und Inhaltsangaben allgemein kann ich mich immer wieder aufregen. Es werden falsche Erwartungen geweckt, das falsche Publikum wird angesprochen (in der Hoffnung mehr zu verkaufen) und zum Teil bekommt man immer wieder kräftige Spoiler präsentiert. Eigentlich sollte man sich viel häufiger über so einen Umgang mit dem Leser beschweren. ;)

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  2. Seitdem ich meine kleinen (*g*, die werde ja zumindest der Länge nach erwachsen) Nachlesen schreibe, nehme ich auch Titel und Klappentexte bewußter wahr und schaue regelmäßig auf den Originaltitel (und manchmal "weiter").

    Daß der Originaltitel nicht unbedingt für den deutschen Leser paßt, kann ich ja noch nachvollziehen. Manche Wortspiele greifen einfach nicht.

    Daß sich aber deutsche Titel von gebundenen und broschierten Ausgaben (manchmal sogar die broschierten Ausgaben untereinander) unterscheiden, z.B. bei diesem Buch oder bei den deutschen Romanausgaben von Jane Austens "sense & sensibility" finde ich schon seltsam und als Leser verwirrend. Man könnte ohne genaues Schauen bzw. Lesen durchaus auf die Idee kommen, es handelt sich um verschiedene Werke ...

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  3. Wobei ein guter Übersetzer in der Regel auch eine passende Alternative für ein Wortspiel finden sollte.

    Das einzige Argument, das ich gelten lasse, sind rechtliche Punkte. Ich finde es nämlich immer lästig, wenn ich einen Titel noch im Kopf habe und dann erst einmal überlegen muss, welcher von den x Autoren das Buch geschrieben haben könnte. ;)

    Neuauflagen oder andere Ausgaben unter unterschiedlichen Titel treiben mich auch in den Wahnsinn. Ich weiß nicht, wieviele Listen ich auf der Festplatte habe, die ich anhand des englischen Titels sortieren musste, um einen Überblick über die Veröffentlichungen zu behalten.

    Besonders habe ich es bei den Dick-Francis-Krimis gehasst. Immer nur Ein-Wort-Titel und alle spielen rund ums Pferderennen, die waren wirklich nicht leicht auseinander zu halten. >g< Immerhin hat es immer wieder zu lustigen Diskussionen mit meiner Freundin geführt, wer von uns nun welchen Titel schon hat und welche Geschichte sich hinter welchem Wort verbarg. ;)

    Wobei ich es dann wieder verstehen kann, wenn man eine Jubiläumsausgabe optisch und auch vom Titel angleichen will. Aber da wird dann auch in der Regel deutlich gemacht, dass es Neuauflagen zu einem besonderen Anlass sind!

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