Donnerstag, 3. Dezember 2009

"Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen" von Francese Miralles

Das Buch habe ich mir gekauft, als ich mit Seychella und Melli am ersten Adventswochenende 2009 den Lübecker Weihnachtsmarkt besuchte. Das Cover brachte mich dazu, es aufzunehmen, den Klappentext zu lesen und ein wenig im Buch zu blättern ... und es zu kaufen :). Der Autor ist studierter Germanist, Jahrgang 1968, wohnt in Bardelona und ist heute Schriftsteller und Musiker. Ich habe die erste List-TB-Ausgabe Dezember 2009 in der Übersetzung aus dem Spanischen von Anja Lutter gelesen. Der erste Satz lautet wie folgt: 

"Noch einen Augenblick, und wieder würde ein Jahr zu Ende gehen und ein neues beginnen."


Worum geht es:
Der Ich-Erzähler Samuel ist Literaturdozent für deutsche Literatur in Barcelona. In der Sylvesternacht kratzt eine Katze an seiner Tür, der er eine Schale vor Milch (vor die Tür) hinstellt. Er hat nicht bemerkt, daß die Katze längst in seiner Wohnung ist und ihn am Neujahrsmorgen auf katzentypische Art weckt. Er will die Katze abgeben - und ehe er sich versieht, hat sie einen Namen - Mishima -, und ist im Grunde daran "schuld", daß er seinen Obermieter Titus kennen- und schätzenlernt und nebenbei als Ghostwriter zu arbeiten beginnt. Er begegnet außerdem einem seltsamen Physiker namens Valdemar, der "Heimweh nach der Zukunft" hat und trifft seine Bekannte Gabriela aus Kindertagen wieder. Gabriela, die ihm als Kind einen Schmetterlingskuß gab und in der er heute - nach einer einzigen zufälligen Begenung - die Liebe seines Lebens sieht ... und die er wiederfinden will.

Nachlese

Es fällt mir etwas schwer, meine Empfindungen zu diesem Buch in Worte zu fassen. Ich will einmal bei den Offensichtlichkeiten anfangen:

Der Autor nahm mich sofort gefangen, Alltagssprache, kurze prägnante Syntax, es wird in Dialogen direkte Rede verwandt. Ich habe keinerlei "Störungen" im Erzählfluß bzw. -stil bemerkt, die Übersetzung wird vermutlich adäquat sein. Die Erlebnisse von Samuel sind mir so manches Mal vertraut und  dann wieder so seltsam, besonders, was die Begegnungen mit Valdemar angeht. Trotzdem erschienen mir Samuels Handlungsweisen nicht abwegig.

Das Buch schildert, wie sich der  allein lebende und einsame Samuel öffnet und welche Begegnungen daraus resultieren. Samuel führt seine "Öffnung" auf Mishima zurück, also auf die Katze, der er einen Teller Milch hinstellt und die er nach dem Zufallsprinzip nach einem Buchautor benennt. Dieser von ihm zu Beginn des Buches fast unwillig ausgeführte "Liebesakt im Kleinen" führt ihn zu Titus. Die Kausalitätskette führt dann zu seiner zufälligen Begenung mit Gabriela sowie der nachfolgenden Suche und beschert Samuel außerdem die Begegnung mit dem äußerst seltsamen Valdemar.

Der Roman erzählt aber nicht nur Samuels Suche nach der Liebe, sondern ist auch philosophisches Gedankengut. Dabei meine ich nicht nur Samuels "Zweitjob" (Gefallen für Titus), sondern auch die von Titus bzw. Valdemar geäußerten Ansichten zum Erkennen der Welt und dem eigenen Platz in ihr.

Erstaunlicherweise schafft es der Autor auch noch, literarische und musikalische Appetithäppchen zu verteilen: Hesse, Goethe, Kafka, Graham Green, Mishima aber auch Schubert, Mendelssohn und Verdi finden Erwähnung. Und so ertappe ich mich, nach "Der Seeman der das Meer verriet" von Mishima zu googeln ...

Es ist ein ruhiger Roman, in dem die Geschichte ausgebreitet wird. Er ist für mich ein philosophischer Lebensroman - mir fällt die konkrete Genrebezeichnung nicht ein -. Ich will "Samuel" wirklich NICHT in einen Topf mit dem "Alchimisten" von Coelho stecken (den ich übrigens nicht so gut fand) und erst recht nicht mit den meiner Ansicht nach überschätzten (und nervtötenden) Werken von Sergio Bambaren. Aber irgendwie einordenen in dieses Genre würde ich "Samuel" schon.

Obwohl ich Valdemar eine philosophische Funktion zuordne, kann ich diesen Romancharatker nicht "greifen". Ansonsten habe ich das Buch in seiner Art sehr genossen, **** Sterne vergebe ich gern. 

Drei Zitate aus dem Roman zum Abschluß:

"Die Kleinigkeiten sind es, bei denen die Liebe beginnt, dachte ich. Liebe im Kleinen, das ist das Geheimnis..."


"Katzen sind Meister der Mediation und Experten in der Kunst des Yoga. Eine Katze kann stundenlang völlig regungslos verharren und sich auf eine Reise in ihr inneres Zentrum begeben, um sich dann plötzlich mit einem Satz in die Außenwelt zu katapultieren und sofort mit all ihren Sinnen präsent zu sein.... Sie verliert keine Zeit mit unschlüssiger Zauderei"


"Ich ließ mir beide Bücher als Geschenk einpacken. Wenn ich mir einen Roman kaufe, lasse ich ihn meist so lange eingepackt, bis ich das Gefühl habe, dass ich mir die Belohnung verdient habe. Dann schenke ich mir das Buch und freue mich wie ein Schneekönig."

Kommentare:

  1. Deine Art, über Bücher zu schreiben, gefällt mir unheimlich gut. Aus diesem Grund hast Du jetzt auch mein Interesse für dieses Buch geweckt, dass ich vermutlich sonst gar nicht in die Hand genommen hätte... Danke dafür!

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  2. Oh, Dank Dir (*freu*). Schön, daß Du bei mir vorbeischaust :)

    Vielleicht wirst Du durch ein Anlesen im Buchhandel o.ä. ja sogar zum Kauf verführt...

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  3. Das wäre natürlich phantastisch. Ich werde berichten :-)

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