Samstag, 26. Dezember 2009

"Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet" von Alan Bradley

Bereits im Oktober 2009 war ich im Buchladen um dieses Buch herumgeschlichten, nur um mich dann für ****"Johannes Cabal - Seelenfänger" von Jonathan L. Howard zu entscheiden. Ich bekenne: Sowohl das Herumschleichen, als auch die Entscheidung zum Kauf (Dezember 2009) war coverbedingt :), übrigens bei beiden Büchern. Bei "Johannes Cabal" wurde ich nicht enttäuscht. Wie sieht es also mit Flavia aus?

Worum geht es?
Die 11jährige Flavia ist die jüngste der drei Töchter des verwitweten Colonel de Luce, anässig in Buckshaw. Seine Ehefrau Harriet verunfallte ein Jahr nach der Geburt Flavias. Der Colonel ist offensichtlich seit diesem Vorfall ein gebrochener Mann, die Kommunikation mit seinen Töchtern - die ihn ohne Zweifel verehren und lieben - scheint mehr oder wenig tot zu sein. Der Vater vergräbt sich in sein Hobby, die Philatelie, und lebt in ihr sogar auf. Ms. Mullet, die Haushälterin, und "Dogger", das Mädchen für alles, arbeiten in Buckshaw. "Dogger" ist ein traumatisierter Soldat, der unter dem Colonel gedient hat und dessen Vertrauen besitzt, übrigens auch Flavias. Flavia ist offensichtlich extrem intelligent, bereits jetzt passionierte Chemikerin mit mehr Wissen über Pflanzen und Gifte, als gut für eine 11jährige sein sollte, und altklug. An einem Abend hört sie "zufällig" ihren Vater mit einem Fremnden streiten, Dogger erwischt sie und schickt sie zu Bett. Frühmorgens findet Flavia diesen Fremdem in Buckshaw'schen Gurkenbeet liegend und seinen letzten Atem mit dem Wörtchen "Vale" aushauchend. Natürlich wird die Polizei unterrichtet, ihr Vater wird verdächtigt. Aber Flavia hat so ihre eigenen Fragen, Theorien und Ermittlungsmethoden... Wer also war der Fremde? Was wollte er von ihrem Vater? Hat Ihr Vater etwas mit dem Tod des Fremden zu tun? Oder Dogger? Wie ist der Fremde gestorben, warum und durch wen? Fragen über Fragen, die im Verlauf des Romans geklärt werden. Der erste Satz:

"Im Wandschrank war es so dunkel, und die Dunkelheit hatte die Farbe von altem Blut". 

****Nach-Lese
Das Buch liegt wunderbar in der Hand: Hardcover, hellblauer fester Einband, Titel und Autor auch auf dem Einband eingeprägt. Es gibt ein Leseband und der Druck erfolgte auf festen Papier. Es gibt zwar keine Illustrationen, aber die Kapitel- und Seitennummer sind gerade so verziert, so daß sie "besonders" und etwas antiquiert wirken. Der Schutzumschlag aus beigem Papier ist, wie ich finde, wunderschön gestaltet mit Flavia nebst Briefmarke, Vogel und Katze vor dem von Ranken umspielten Sessel. Für mich greiftt die Umschlaggestaltung den Grundton im Buch, das Dunkle, Morbide, schön auf.

Beim Lesen ist mir nichts aufgefallen, was ich als "Bruch" empfunden hätte. Hierbei handelt es sich um meinen einzigen Ansatzpunkt für die Übersetzungsbewertung. Ich gehe daher davon aus, daß Gerald Jung und Katharina Orgaß die Originalstimmung gut transportiert haben.

Die Geschichte wird aus Flavias Perspektive erzählt, Ich-Form. Zwangsläufig habe ich von ihrem Charakter am meisten erfahren und nur durch ihre Augen etwas über die weiteren Personen. Hier liegt aber auch der Nachteil. Zwar läßt der Autor Flavia über ihre Familie und daneben hauptsächlich über Dogger erzählen bzw. von ihren Aktionen berichten. Ich erfahre aber nichts von ihren Beweggründen, außer der Charakter offenbart sich Flavia.

Es ist ein - wenn auch ungewöhnlicher - Krimi. Eine Leiche wird gefunden, Ermittlungen finden statt. Daneben ist es eine Schilderung von Flavias Kosmos, emotional, materiell, Innenleben und Umwelt. Es gibt Nebenschauplätze, aber auch diese dienen meistens dem Plot, sprich der Lösung der Rätsel. Und Flavia selbst! Alan Bradley legt Flavia hochintelligent an mit überbordener Fantasie, schneller Auffassungsgabe, Tatkraft. Bei der Lektüre hatte ich manchmal Artemis Fowl und manchmal Amelia Peabody im Hinterkopf, aber Flavia de Luce ist definitiv ein eigener Charakter. So manches Mal schüttelte ich den Kopf darüber, daß "dieses Kind" 11 Jahre alt sein soll. Und dann schildert A.B. eine Phantasievorstellung, Flavias Unkenntnis in manchen Dingen, ihr altkluges Gehabe und bringt hierdurch den kindlichen Charakter zum Vorschein. Zum Beispiel:

"Daphne hatte mich über Wundstarrkrampf aufgeklärt. Ein Kratzer von einem alten Autogetriebe, und mir würde im Handumdrehen Schaum vor dem Mund stehen, ich würde bellen wie ein Hund und mich beim Anblick von Wasser in Krämpfen auf dem Boden winden."

Ich finde den Schreibstil wunderbar klar. Außerdem transportiert A. Bradley die Neugierde, den Entdeckerdrang und die morbide Faszination der Protagonistin für mich sehr überzeugend. Einem Teenager von 13/14 Jahren würde ich das Buch trotzdem nicht so ohne weiteres empfehlen (der Roman liegt in Buchhandlungen durchaus in der Jugendabteilung). Reines Bauchgefühl. Es ist nicht so, daß Sexszenen vorkommen oder Blut und Horror, dafür ist die erzählende Protagonistin nun wirklich zu jung. Aber die Geschichte ist durchaus komplex, zeitlich gradlinig aber dennoch verschlungen. Und obwohl die Sprache direkt und frisch ist, gibt es Literatur- und Popkulturreferenzen, die - wie ich vermute - einen jugendlichen Leser überfordern könnten. Ich jedenfalls hoffe, alsbald den nächsten Teil dieser Reihe zu lesen, der wohl in 2010 in den Staaten erscheinen soll.


Was mir noch aufgefallen ist:
Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat von William King aus "The Art of Cookery": "Die Streusel schmecken süß, jedoch - viel süßer schmeckt der Boden noch." Im Roman wird auf dieses Zitat auch noch eingegangen. Der Originaltitel greift dieses Zitat übrigens auf und lautet "The Sweetness at the Bottom of  the Pie". Im deutschen ist vom Originaltitel (erneut) nichts zu erkennen (auch das Cover ist anders), jedoch finde ich den deutschen Titel gelungen und "griffig".


Der Roman gefiel mich ebenso gut wie Johannes Cabal, daher auch hier 4 Sterne.

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich gut. Kommt geradewegs auf meine Wunschliste. Und das Cover erinnert mich auch irgendwie an Johannes Cabal. Die Buchgestaltung ist wirklich sehr gelungen

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  2. Ich hatte damals wirlich links "Cabal", rechts "Flavia" in der Hand :)

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  3. Hm, also ich hätte dann beide genommen :-)

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  4. :)
    Habe ich ja letztlich auch, Johannes Cabal hatte nur etwas Vorlauf. Wie ich gerade lese, hat Johannes Cabal Dich auch begeistert... Wer weiß, vielleicht folgt Flavia ja ganz fix nach ...

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