Donnerstag, 31. Dezember 2009

"Die Arena" von Stephen King

In gewissem Sinne ist Anja schuld. Auf Ihrem Blog fand ich den Hinweis, daß dieser neue King-Roman im November 2009 erscheint. Eine Leseprobe war auch gleich dabei - und ich am Haken. Zwar bin ich noch etwas um den Roman herumgeschlichen. Zu Nikolaus/Weihnachten habe ich ihn mir dann aber doch gekauft.

Worum geht es:
An einem ganz normalen schönen Herbsttag wird die Stadt Chester’s Mill plötzlich auf unerklärliche Weise durch ein unsichtbares Kraftfeld vom Rest der Welt abgeriegelt. Flugzeuge zerschellen daran und fallen als brennende Trümmer vom Himmel, einem Gärtner wird beim Herabsausen "der Kuppel" die Hand abgehauen, Tiere werden zweigeteilt, Menschen, die gerade in Nachbarorten unterwegs sind, werden von ihren Familien getrennt, und Autos explodieren, wenn sie auf die mysteriöse Barriere prallen. (Quelle: Heyne, s.o. Leseprobelink). Wer ist schuld? Verschwindet die Kuppel? Und die wichtigsten Frage: Wie entwickelt sich das Leben (und die Umwelt) in der abgeschlossenen Stadt? Was werden die Einwohner tun?

Der erste Satz: 

"Aus einer Höhe von zweitausend Fuß, wo Claudette Sanders gerade eine Flugstunde nahm, leuchtete die Kleinstadt Chester's Mill im Mogenlicht, als wäre sie frisch hergestellt und eben erst dorthin verfrachtet worden."

*****Nachlese
Was für ein Lese-Abschluß für dieses Jahr :). 1280 Seiten umfaßt die gebundene Ausgabe, fester Einband - incl.  geprägter Schrift - Leseband, einer Personenliste von Chester Mill's und einem Stadtplan. Der Schutzumschlag zeigt eine Schneekugel ... und das Cover paßt perfekt.

Ich habe mich diesem Roman mit Hingabe gewidmet :) Am 26.12.2009 habe ich im Bett nur die ersten 25 Seiten gelesen, die ich auch der Leseprobe schon kannte. Da ich am Sonntag, 27.12.2009, aber sehr früh wach war - meine MuM's weckten mich freundlicherweise um halb sieben -, habe ich mich mit einem frisch gebrühten Krümelkaffee und dem Roman auf die Couch verzogen. Es gab am Sonntag durchaus Unterbrechungen, aber im Grunde habe ich über den Tag bis nachts um 02.00 Uhr in diesem Schmöker gelesen. Und am Montag vor der Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit mit um halb zwei nachts... Und so ging es fröhlich weiter bis gerade kurz vor 22.00 Uhr. In diesem Tempo und so ausschließlich habe ich schon lange keinen Roman mehr durchgelesen. "Die Arena" war für mich ein echter "Pageturner".

King führt erneut - wie z.B. in "The Stand - Das letzte Gefecht" oder "Needful Things - In einer kleinen Stadt" - sehr viele Charaktere ein. Trotz der Masse entstanden die Charaktere, auch die Nebencharaktere, mit ihren Stärken, Schwächen, Ängsten und Hoffnungen vor meinem inneren Auge. King versteht es, durch Sprache, Handlungen, Erinnerungen, Gedanken und Reaktionen Dritter dem jeweiligen Charakter Tiefe zu verleihen, ob es nun der Gebrauchtwagenhändler "Big Jim Rennie" ist, der Alkoholiker Sam,  der "Vagabund" Barbie, die junge alleinerziehende Mutter Sammy oder die Imbißbesitzerin Rose ist. Über die Charaktere habe ich im Verlauf des Romans mehr und mehr erfahren - und manche sind mehr, als man erwartet.

Die Handlung selbst ist zwar auf die Stadt begrenzt, findet dort aber an verschiedenen Orten statt. Was die Art der Story angeht:

Es ist kein Horror-Roman wie z.B. "Es" oder "Brennen muß Salem"  Es gibt keine Vampire, keinen Clown, keinen Teufel wie in "In einer kleinen Stadt". Es ist der andere Horror, der hier beschrieben wird.Natürlich stellt sich auch die Frage, warum die Kuppel errichtet wurde und durch wen. Aber Brennpunkt der Erzählung ist nicht so sehr die Kuppel selbst, sondern das emotionale, gesellschaftliche und politische Geflecht dieser Kleinstadt. Ich habe mal einen Auffahrunfall erlebt: Im Rückspiegel sah ich einen Kleintransporter um die Kurve kommen und wußte, er würde den hinter mir stehenden Wagen rammen. Ich konnte nur sehenden Auges hilflos das Ereignis abwarten. Hieran mußte ich bei der Lektüre des Romans häufig denken: Man erahnt förmlich, was in der Stadt geschieht bzw. geschehen wird und kann - natürlich - nur zusehen, d.h. es erlesen. Für mich ist das die Stärke Stephen Kings: nicht nur Horror "von außen" darzustellen, sondern auch psychologisch ausgefeilte Charaktere zu entwickeln und den schleichenden Horror im alltäglichen Leben darzustellen, den Alltag aber auch zu sezieren. Ok, der Ansatz - Isolation einer Gruppe/einer Person - ist nicht neu, aber auch hier gilt für mich: super umgesetzt. Für mich war auch das Ende des Romans befriedigend.

Bezogen auf den Romanumfang hat S.K.nur ein paar wenige Bandwurmsätze fabriziert (z.B. den ersten Satz). Die Übersetzung durch Wulf Bergner erscheint mir äußerst gelungen: "Brüche" habe ich nicht feststellen können und Kings Sprache ist auch in seinen anderen Romanen durchaus "kräftig".

Der Roman ist aus Drittperspektive geschrieben. Es gibt aber gewollte stilistische Brüche. Ich bin nicht firm, was "Schreibtechniken" angeht und wie die richtigen Bezeichnungen lauten. Aber ich versuche, mich verständlich zu machen: Bei mehreren Gelegenheiten im Roman wechselt King in eine andere Zeitform und beschreibt, was gerade geschieht (z.B.: "Es ist 14.40 Uhr an einem weiteren überwältigend schönen Herbsttag ...Beide Männer sind zufrieden..." ) und wendet sich manchmal auch direkt an den Leser ("Nun seht euch das an; seht genau her."

Das ist auch etwas, was mir stilistisch gesehen gefällt. Diese Brüche finden zu ganz bestimmten Anlässen im Buch statt, über die ich hier nicht weiter schreiben will (Spoilergefahr). Ich finde, daß S.K.dadurch nicht nur die Vorkommnisse an sich hervorhebt, sondern auch zusätzlich eine weitere Spannung aufbaut: Als betrachte ich eine gerade stattfindende Szene unter der Lupe.

Aus meiner Sicht ohne Frage 5 Sterne

Was mir noch aufgefallen ist:
- Nett sind auch hier die Popkultur-Referenzen. So werden zumindst erwähnt Dr. Hous MD, Nora Roberts, Lost und Stephenie Meyer.
- Aus der Zeitangabe unter dem letzten Satz folgt, daß S.K. den Roman Ende 2007 bis März 2009 geschrieben hat (erster Versuch war 1976).
-An einer Stelle im Roman steigt der Vollmond auf, der "in Form und Farbe ... einer frisch aufgeschnittenen rosa Grapefruit" gleicht. Ich hatte Assoziationen zu Roland und dem Dunklen-Turm-Zyklus, besonders Teil 4 "Glas". Dort geht es um die "rosafarbene Glaskugel", auch Maerlyns Pampelmuse, genannt. Ob Stephen King diese Assoziation wirklich provozieren wollte, weiß ich allerdings nicht :)

Kommentare:

  1. Ein frohes neues Jahr erst mal!! Schöne Rezi! Ich bin gerade auf Seite 65 und voll gespannt was da noch kommen wird. Ist ja ein dicker Wälzer, aber das mag ich total, solange es auch spannend ist. Davon gehe ich ja aus bei SK.

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  2. Hallo Anja! Danke und Frohes neues Jahr auch Dir!

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, daß mich S.K. so fesseln kann mit fast alltäglichen Begebenheiten... Weil der Horror sich schleichend entfaltet. Viel Freunde noch damit! Ich fand den Wälzer im Bett nur recht unhandlich, da sind TB bequemer ;)

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  3. Hej, auch von mir an dieser Stelle frohes Neues Jahr :)
    Super-Rezension - würde mich reizen, das Buch sofort zu erwerben und loszulegen ... Musste gleich ein bisschen an "Die Wand" denken - nur halt mit dem Unterschied, dass nicht nur eine Person eingeschlossen ist. Halt das Isolations-Thema, wie Du schon sagtest.
    Werde ich sicher bei Gelegenheit lesen - es lockt mich jetzt sehr!
    Ein echt tolles Leseende für 2009!

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  4. Frohes und gesundes neues Jahr wünsch' ich Dir auch!
    An Marlen Haushofer habe ich auch gedacht :) Liebe Grüße!

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  5. Ich muss zugeben, dass sogar ich nach der Rezi Lust auf das Buch bekomme. ;)

    Schönes neues Jahr wünsch ich dir!

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  6. :)
    Danke und Alles Gute für Dich im neuen Jahr!

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  7. Ich sage nur: "Star Trick. Beam me up Snotty!"

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