Samstag, 12. Dezember 2009

"Bunte Fische" von Kirsten Marohn



Bei dem Roman "Bunte Fische" handelt es sich um ein knapp 200 Seiten umfassendes Rezensionsexemplar, welches mir von der Autorin Kirsten Marohn zur Verfügung stellt wurde. Danke an dieser Stelle nochmals an die Autorin. Erschienen ist der Roman dieses Jahr im August. Eine Leseprobe zu diesem Roman sowie den aktuellen Projekten findet Ihr auf der Homepage der Autorin www.kirstenmarohn.de.Die Autorin ist Jahrgang 1972 und Wahl-Düsseldorferin. Der Roman kann über die Webseite der Autorin bestellt und bezogen werden.


Worum geht es?
Der Roman beginnt mit Lars, einem geistig behinderten Mann von 42 Jahren, der als Gärtnergehilfe arbeitet und gerade eine Litfaßsäule vor dem Kino betrachtet. Maja König, prallt auf ihrer "Flucht" aus dem Kino mit Lars zusammen und so beginnt ein Wochenende, welches Majas und Lars' Leben verändert. Maja, eine 39Jährige Bäckereifachverkäuferin, ist gerade nach Düsseldorf gezogen, um einen Neuanfang zu versuchen. Nach ihrem Selbstmordversuch und langer Therapie hat sie ihre Heimatstadt und den realen Dunstkreis ihrer Eltern (offensichtlich aber nicht den emotionalen und psychischen) vor knapp einem Monat verlassen. Ihre psychiologisch/psychiatrische Behandlung stationär in der Klinik, ambulant bei ihm, ist abgeschlossen, so ihr Therapeut. Nach dem desaströsen Kinobesuch und dem Sturz will Maja eigentlich nur zurück in ihre sichere Wohnung. Vorher jedoch, entschließt sich Maja, wird sie aber Lars eine Ersatz-Cola kaufen. Dies führt zu einem Besuch von  MacD, der Bekanntschaft mit Tobias (Lars und er kennen sich) und der abendlichen Fahrt zu einem Baggersee. Dort brechen weitere Schutzwälle Majas ein.Der erste Satz:

"Der Asphalt vor dem Kino flimmerte in der Mittagshitze."


3,5 Sterne - Nachlese
Gelesen habe ich die mir zur Verfügung gestellte gebundene Ausgabe das Buches, BoD-Verlag, die Geschichte wird auf ca. 190 Seiten erzählt. Das Papier ist griffig und fest. Vorangestellt findet man ein Zitat aus dem Song "The Power of Love" und die Zahl "5".Welche Bedeutungen das Zitat und die Zahl haben, erfährt der Leser im Verlauf des Buches.

Fast augenblicklich hatte die Autorin mich mit der Geschichte gefangengenommen, obwohl es ein unaufgeregtes ruhiges Buch ist. Kirsten Marohn benutzt eine klare Sprache, selbst in ihren Metaphern.

Wie von mir schon erwähnt, habe ich auch immer ein Augenmerk auf die - angenehme - Satzlänge. Bandwurmsätze wurden bis auf ganz wenige Ausnahmen vermieden.

Die Geschichte selbst wird aus Drittperspektive erzählt. Dadurch kann der Leser die Eigenarten/Gedanken/Intentionen der drei Akteure erlesen: Zum einen direkt durch die Figurenbeschreibung durch die Autorin, zum anderen indirekt durch Majas Reaktionen. In einem kurzen Nachwort führt Kirsten Marohn aus, daß sie bei Romanbeginn "eine Liebesgeschichte über einen geistig behinderten Mann" schreiben wollte. Lars erlebt und reflektiert die Welt anders als der "normale" Tobias und ganz anders als die labile Maja. Die Figur, über die der Leser im Roman direkt am meisten erfährt, ist jedoch Maja, nicht Lars. Aber Majas Reaktionen auf Lars und ihre Reflektionen hierüber sprechen für sich: Manche ihrer Erwartungen werden bestätigt, häufig wird sie von Lars überrascht ... und in direkter Folge wird sie auch so manches Mal von ihren eigenen Reaktionen.

"Spannung" habe ich auch bei diesem ruhigen Buch empfunden: Wie geht es am Baggersee aus? Was ist mit Tobias?Gibt Maja auf und falls ja, in welcher Form? Lebt Lars allein? Bauen Maja und Lars eine Beziehung auf und falls ja, was für eine? Was hat es mit den "bunten Fischen" auf sich und mit der Zahl 5?

Majas und Lars Probleme kenne ich aus eigener Erfahrung nicht. Es war also der Job der Autorin, mich als nicht Betroffene zu den Charakteren und ihrem Innenleben zu führen, sie für mich lebendig zu machen. Und das wurden sie für mich. So manches Mal dachte ich beim Lesen: "Du hast es doch erkannt, Maja. Setze es um". Ich war neugierig, weshalb Maja in Therapie war, weshalb sie versuchte, sich umzubringen. Ich hoffte, daß das Zusammentreffen von Lars und Maja an diesem Wochenende für beide etwas Positives bewirkt und wollte wissen, wie K.M. die Geschichte zu Ende führt.

In meiner emotionalen Wertung liegt "Bunte Fische" zwischen"Sputnik Seetheart" von Murakami (4) und "Papiertiger" (3), also bei 3,5 Sternen.

NACHTRAG: Ich finde es sehr schwierig und irgendwie auch ungerecht, Bücher verschiedener Sparten nach einem System zu bewerten. An Fantasy- oder Mystery-Literatur gehe ich anders heran als an Romane dieser Art. Z.B. habe ich gerade aufgrund Vergeliches mit "Johannes Cabal Teil1"  den Roman  "Die Hunt-Chroniken Teil 1" (Mystery) besser bewertet als "Bunte Fische". Ich bemerke aber selbst, daß ich die Belletristik "strenger" bewerte. Wollt ich nur mal gesagt haben :)

Spoilerwarnung 


Maja schreckt vor Kontakten und Bindungen zurück, ob nun direkt körperlich oder indirekt sozial. Die Mutter wollte durch ein Kind die sich in Auflösung befindliche Ehe retten. Statt des von ihr erhofften männlichen Erben wurde Maja geboren. Wie ich es sehe, hat sich der Vater pflichtgemäß um sie gekümmert, mehr aber auch nicht. Die Mutter tranportierte (und transportiert) das Problem, beginnt zu trinken. Maja wächst in diesem Umfeld auf: emotionale Gleichgültigkeit vom Vater, Schuldzuweisungen der Mutter.

Ich kann mir nur vorstellen, wie dieses  Gefühl der Unzulänglichkeit, der Unerwünschtheit dazu führen kann, zunächst auf konventionellen Wegen (zB Leistung) Aufmerksamkeit zu erringen. Gelingt dieses nicht, könnten andere Wege beschritten werden (Sex, Gewalt, Drogen). In ihrer Verzweiflung beschreitet Maja dann den ultimativen Weg und versucht, sich umzubringen. Später wird sie sich für den Wegzug nach Düsseldorf entscheiden und dazu, Antidepressiva überdosiert (da unkontrolliert) zu nehmen: Krücken, um "die Stimmen" in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, um in der Gesellschaft zu überleben (Muskeln werden schwach, wenn man nur die Krücken nutzt, nicht wahr?). Von Leben kann bei Maja auch keine Rede sein, obwohl sie sich das in ihrem Inneren wünscht.

Im direkten und übertragenen Sinn ist es Lars, der Maja's aktuelles Selbst zu Fall bringt. Ihr Sturz vor dem Kino löst eine unerwartete Kettenreaktion aus. Lars sorgt sich um Maja, beginnend mit einem schlichten Pflaster. Er gibt, ohne eine Gegenleistung von ihr zu erwarten. Er ordnet sie nicht in eine Schublade, kommentiert die Narben an den Handgelenken nicht, wundert sich nicht über ihr Verhalten oder ihr Gerede. Er nimmt sie als Mensch wahr, nicht mehr, nicht weniger.

Was Maja meiner Meinung nach erst durch den Umgang mit Lars wirklich begreift, weiß und wendet er an, möglicherweise aus Instinkt,Naivität und/oder sein familiäres Umfeld: 


 "Liebe ist kostenlos! Ein gratis give away! Eine funkelnde Glasscheibe auf dem Gehweg!"

Positiv empfinde ich es, daß es Maja nach diesem Wochenende NICHT happyend-mäßig gut geht und sie sofort alle Probleme beseitigen kann. Gerätselt habe ich über die Bildwahl mit den bunten Leinentüchern bei Lars. Ich erwähne es hier, ein echter Kritikpunkt ist es eigentlich nicht: Da die Autorin in Lars Gedankenwelt eintaucht, müssen diese Bilder ja nicht für Dritte logisch nachvollziehbar sein.

Kommentare:

  1. Hört sich gut an für mich - zumindest lesenswert, ich mag solche Geschichten ganz gerne, die einen so als Zuschauer die Figuren betrachten lassen. Ich weiss nicht, ob ich mich klar ausdrücke... Es gibt bücher, die werden mehr so erzählt und es gibt Bücher, da ist man irgendwie ein richtiger Beobachter, der daneben steht... Hört sich für mich nach letzterem an und würde es wohl auch mal lesen, wenn es mir in die Hände fällt ...

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  2. Hallo Sayuri,
    ich würde es als eine Mischung von beiden sehen. Ich werde das Buch zum Blättern morgen mitbringen, damit Du selbst ein wenig anlesen kannst...
    Freu mich schon!
    Natira

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