Sonntag, 22. November 2009

"Into the Wild" - Der Sean-Penn-Film

Der Film "Into the Wild"  aus dem Jahr 2007, Regie Sean Penn, Drehbuch Sean Penn und Jon Krakauer (Buch)  schildert - wie das Buch In die Wildnis (meine Nach-Lese) von Jon Krakauer - die Geschichte der Wanderung Christopher Mc Candless' durch die Staaten, Mexiko und letztlich nach Alaska. In der Wikipedia.de findet sich natürlich zu diesem Film auch etwas: Wiki: In_die_Wildnis


Nach-Sehen:
Der Film beginnt mit Chris Mutter, die einen Hilferuf  ihres Sohnes räumt, und wechselt dann zu Chris, der "in die Wildnis" Alaskas startet und natürlich den Bus findet. Von dort - dem Bus - geht es erzähltechnisch immer wieder in die Vergangenheit: seine Geburt, Kindheit, seine Jugend, das Erwachsenwerden, die Familie, und zwar einerseits seines realen Lebens, andererseits im übertragenen Sinne auch die Geburt, Kindheit, das Aufwachsen und der Familie seines alter Ego "Alex Supertramp".

Chris wird von Emile Hirsch gespielt und ich finde ihn fantastisch darin. Schauspielerisch hatte er mich in dem Moment - am Anfang des Films - als seine Augen vor Ehrfurcht glitzerten, ein Hauch von hochgestiegenen aber ungeweinten Tränen im Angesichts der Weite Alaskas.  Überraschend gut empfand ich Vince Vaugh als Wayne Westerberg, den Schauspieler "mag" ich nämlich nicht. Der Film erzählt in ruhigen Bildern, viel Landschaft, langesame Kamerafahrten und Slow-Motion überwiegen dann. Bei anderen Gelegenheiten - Erinnerungsfetzen, Stadtleben - ist die Kamera häufig unruhig, wacklig. Der Film lebt - auch - von der Stille. Dabei meine ich die Dialog-Stille, der Soundtrack ist fast ständig präsent. Mich hat das nicht gestört, daß die Bilder statt mit Sprache und Ton mit Musik untermalt wurden, da mir der Soundtrack auch fantastisch gefällt. Die Musik stammt von Michael Brook, Kaki King, Eddie Vedder und Claude Chalhoub.

Gelungen fand ich z.B. Umsetzung, als Chris aus Mexiko zurückkommt und in L.A. landet. Als ich diese Szenen sah, wurden in mir folgende Empfindungen hervorgerufen: Chris muß sich eingeengt gefühlt haben von den Hochhäusern, der Lärm auf den Straßen muß ihn extrem gestört haben und die Hektik, die Menschen um ihn herum ließen ihn dort am hellichten Tag einsamer wirken als allein als Tramp in der Wüste, auf der Straße oder auf dem Weg hinein in die Wildnis.
 
Was ich bei Jon Krakauer und auch beim Film emfpunden habe, ist, daß Chris letztlich in der Wildnis Alaskas sich selbst gefunden hat und daß, was er wollte und daß dies auch ein Leben außerhalb der Einsamkeit der Wildnis beinhaltete. Möglicherweise hätte er sich bei seinen realen Eltern nie gemeldet, aber die Familienmitglieder von Alex - Jen & Rainer, Wayne,Ron  hätte er sicher wieder aufgesucht. Daher empfinde ich sein Schicksal auch so tragisch: Als Chris/Alex seinen Frieden gefunden hatte und aus Alaskas Wildnis heraus wollte, war er dazu aufgrund eigener Fehleinschätzungen (mangelde Vorbereitung etc., siehe meine Nach-Lese) verbunden mit den Umweltbedingungen und schlicht Pech nicht mehr in der Lage. Im Gegensatz zum Buch ist mir Caris/Alex nach dem Film aber sympathischer.

Wie mir Sayuri im Kommentar der Nachlese mitgeteilt hat, gibt es noch einen Dokumentarfilm The Call of the Wild  von Ron Lamonthe - leider ist nicht viel über dies Doku zu finden, auch nicht bei amazon.co.uk. Das ist schade, da mich diese Doku echt interessiert hätte. Allerdings hat mir Sayouri auch einen Bloglink geschickt - danke nochmal - und hier ist er: Terrain-Cognita-Films - Wild Calls

Das Buch von Jon Krakauer zu lesen, bevor ich den Film geschaut habe, war  ein Fehler - und irgendwie auch doch nicht.

Warnung!

Wer das Buch Jon Krakauers bislang nicht gelesen hat und den Film noch schauen will, sollte an dieser Stelle  darüber nachdenken, ob er hier weiterlesen möchte. Es geht jetzt nämlich darum, wie das vorherige Lesen des Buches mich beim Schauen beeinflußt hat.


Mir kommen Passagen des Off-Erzählers - teilweise von der Figur Chris, teilweise von seiner Schwester Carine - bekannt vor. Und ich kann mich häufig des Eindruckes nicht erwehren, daß die Worte nicht von Carine stammen bzw. aus Chris' Tagebuch, sondern daß es Jon Krakauers Worte und Ansichten sind. Drei Beispiele von vielen möglichen (aus der deutschen Synchronisation des Films natürlich): 

(Carine's Off-Stimme)
"Es war keine Frage, daß Chris sich absetzen würde. Und als er es tat,tat er es mit der für ihn typischen Maßlosigkeit".
- Hm kann von Carine stammen natürlich - Autor und Sean Penn habe ja mit der Familie gesprochen -, klingt nach der Lektüre des Buches von Jon Krakauer aber auch nach letzterem.

Chris' Off-Stimme:
"Es ist wohl kaum zu bestreiten, daß uns die Vorstellung von einem freien Leben schon immer begeistert hat. Wir verbinden mit diesem Gedanken eine Flucht, vor der Geschichte, vor Unterdrückung vor dem Gesetz und vor unangenehmen Verpflichtungen.Absolute Freiheit. Der Weg dahin führte schon immer nach Westen."
oder auch
"Ich weiß nicht viel über das Meer.Aber ich weiß, wie es hier in den Bergen ist.Und ich weiß auch, wie wichtig es im Leben ist, nicht unbedingt stark zus ein,sondern sich stark zu führen. Sich nur einmal zu messen, sich zumindest einmal im Urzustand des menschlichen Seins zu befinden. Allein dem blinden tauben Stein gegenüber zu stehen mit nichts was einem helfen könnte außer den eigenen Händen und dem eigenen Händen."

Das ist für mich Krakauer, nicht Chris=Alex Supertramp (der zwar Angst vor Wasser hatte, aber nicht in diesem Sinne kletterte).

Das ist natürlich mein Dilemma:

Der Film basiert auf Jon Krakauers Buch. Also ist es nur natürlich, daß dieser Autor irgendwie "zu Wort" kommt. Natürlich füllt der Film auch in anderer Weise Passagen von Chris' Leben auf der Straße auf - seine Selbstgespräche, seine Erlebnisse in der Natur nd die Reaktionen darauf, das Duschen unter Berieselungsanlagen etc. Die letztgenannten Sachen nehme ich auf und hin, sie erscheinen passend. Die vorgenannten Passagen allerdings stören mich. Allerdings: Hätte ich das Buch vorab nicht gelesen, würde ich die Off-Kommentare der jeweiligen Person zuordnen und wahrscheinlich nicht hinterfragen. Aber da ich das Buch gelesen habe, klingt es für mich so, als würden den Figuren Krakauers Ansichten in den Mund gelegt und das vermittelt einen - nun ja - falschen Eindruck von den Charakteren. Bereits beim Lesen des Buches war ich ja schon darüber nicht glücklich...

Der Film geht wie das Buch davon aus, daß Chris die "Wilde Kartoffel-Pflanze" mit einer ganz ähnlichen, aber giftigen Pflanze verwechselt hat. Ob dies nun so war oder nicht, sei dahingestellt, die filmische Umsetzung der letzten Tage von Chris in Alaska dieser Basis berührte hinterläßt mich mit zwiespältigen Gefühlen.Teilweise finde ich die Aufnahme berührend - der Bär, der Blick in die Weite des Himmels -, teilweise frage ich mich, woher die Inspiration oder Basis für die letzten träumerischen Bilder von Chris wohl herkommen mögen, vielleicht sollen sie Sympathien der Zuschauer für Chris, als auch seine Eltern hervorrufe oder wenigstens eine Art "Happy End" liefern oder die Familien mit Chis Verhalten versöhnen. Ich weiß es nicht. Diese letzten träumerischen Überlegungen kommentiert von Chris Off-Stimme lassen mich aber leicht zweifelnd den Kopf schütteln: Vielleicht liege ich ja falsch, aber wären in den Bilden Carine und Jen& Rainer, Wayne oder Ron aufgetaucht, hätte ich den Schluß "gekauft". 


"Glück nur dann echt, wenn gemeinsam mit anderen"

(Chris McCandless Anmerkung in seiner Ausgabe von Dr. Schiwago, geschrieben vormutlich nach seinem Versuch aus Alaska zurückzukehren und kurz vor seinem Tod, Quelle "In die Wildnis" von Jon Krakauer in der Übersetzung von Stephan Steeger)

Kommentare:

  1. Naja, da Sean Penn ja eng mit der Familie von Chris zusammen gearbeitet hat, nehme ich an, dass sie es nicht zugelassen hätten, dass er sie unsachgemäß zitiert. Von daher würde ich das so hart vllt. nicht sehen.
    Das Ende, damit hast Du vielleicht Recht - evtl. wünschte die Familie sich ein solches Ende (zumal sie ja oft genug auch recht schlecht wegkommt). Ich kann mir auch vorstellen, dass seine wahren Gedanken eher bei seiner Welt-Familie waren.
    Aber wie auch immer - jetzt hast Du die McCandless-Welle geschafft ;)

    Ach ja, den Film von Lamothe gibt es wohl nur auf seiner Website zu bestellen.

    AntwortenLöschen
  2. Ja, bei der Off-Stimme von Carine empfinde ich es auch nicht als sooo ausgeprägt, bei Chris allerdings doch mehrfach...

    Hättest Du in Deinem Blog nicht über den Film geschrieben bzw. auch über das Buch, ehrlich: Auch in der Videothek o.ä. wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den Film mitzunehmen. Aber er hat schon seine Magie und McCandless ist ohne Zweifel ein interessanter Mensch gewesen :)

    Schönen Sonntag noch :)
    Natira

    AntwortenLöschen

Einerseits will ich Spam, andererseits Captcha-Codes für Euch vermeiden. Das Experiment mit nur registrierten Nutzern ist leider nicht vollständig geglückt, da ein paar von Euch trotz Open-ID. nicht kommentieren konnten. Also wieder frei für alle und Moderation bei Posts älter als 20 Tag/e. Ggf. muss ich wieder auf vollständige Moderation umstellen, falls der Spam bei aktuellen Posts überhand nimmt.
Wir lesen uns. :)