Sonntag, 15. November 2009

"In die Wildnis" von Jon Krakauer

Das Buch ist eine Leihgabe meiner Freudin Sayuri.Sie hatte zuerst den Film "Into the Wild" von Sean Penn gesehen und dann auch das Buch gekauft. Ich wollte erst das Buch lesen, bevor ich den Film schaue. Letzteren konnte ich tatsächlich bei Sky aufnehmen, bevor mein 2-Monats-Probezeitraum für die "Sky-Filmwelt" zu Ende war (jetzt beziehe ich also nur noch das - günstigste - Basis-Paket von Sky).

Worum es geht: 
Jon Krakauer ist ein US-Autor, Journalist, Bergsteiger und hat eigene Erfahrungen, was das Bewältigen von Herausforderungen und Überleben in der Wildnis angeht. In diesem Buch geht es um seine - zunächst beruflich bedingten, später auch persönlichen - Ermittlungen zu dem einsamen Todes des 24jährigen US-Amerikaners Christopher „Chris“ Johnson McCandless (der sich selbst auch Alex Supertramp nannte) in Alaska. Krakauer erklärt gleichsam als Warnung in den Vorbemerkungen, daß er selbst kein unvoreingenommener Beobachter ist, der junge Mann polarisierte und polarisiert.

***Nachlese
Das Buch beinhaltete nicht das, was ich erwartet hatte. In meiner Vorstellung ging ich von einem journalistischen Bericht aus, der - soweit möglich  - die Stationen von Chris nachzeichnet, ihn charakterisiert und Gründe oder zumindest Ansätze für die Gründe vermittelt, die Chris auf Tour und letztlich zu seinem Tod führten. 

Da Chris während seiner zweijährigen Reise quer durch die USA, dem Ankratzen von Mexiko und der Tour nach Alaska, keinen Kontakt mit seinen Eltern hatte und auch meist nur einen Decknamen benutzte, keine Sozialversicherungsnummer angab etc., war es schwierig bis unmöglich, die Stationen aufzuzeigen. Keine Frage. Daher ist es auch erstaunlich und bewunderswert, daß Krakauer überhaupt Informationen über die Tour ermitteln konnte. Aufgrund seines Artikels hatten sich Leute bei der Zeitschrift bzw. ihm gemeldet, die Chris kennegelernt hatten, z.B. als Tramper oder Saisonarbeiter etc. Dieses Informationsdefizit führte allerdings auch zu meinen persönlichen Nervfaktoren:

 - Ja, Krakauer führt im Vorwort an, daß er nicht objektiv ist. Kann er ja auch kaum sein, schon aufgrund seines eigenen Hintergrundes (Bergsteiger). Allerdings zieht Krakauer nicht nur Schlüsse für sich, er legt sie eigentlich Chris "in den Mund". So erklärt in dem Buch z.B., daß Chris eine Frage peinlich gewesen wäre (er wurde von einem väterlichen Freund gefragt, ob er ihn adoptieren könne). Woher will Krakauer denn das nun wissen? Er hat diesen väterlichen Freund interviewt, der ihn offensichtlich von dieser Frage und der ausweichenden Antwort erzählt hat. Die Ableitung der Gründe für Chris's Verhalten hier - und an anderen Stellen - finde ich jedoch anmaßend.

- Viele Abschweifungen, die andere Leser vermutlich als journalistisch normal oder sinnvoll empfinden, störten mich, ich finde sie überflüssig.
Es interessiert mich im Zusammenhang mit der Story (erwartet = journalistische Reportage) wirklich nicht, daß Chris's Schwester in einem Interview barfuß herumläuft, ein goldenes Jesuskreuz um den Hals und sauber gebügelte Jeans mit Bundfalte nach vorne trägt. Ähnliche Ausführungen zu weiteren Interviewpartnern empfinde ich gleichfalls als überflüssig.
Ein weiteres Beispiel anderer Art: Die "wilde Kartoffel" und eine artverwandte Pflanze spielen eine wichtige Rolle für die Frage, wie es zu Chris Auszehrung gekommen ist. Ich brauche allerdings keine seitenlangen botanischen Ausführungen zu diversen Arten des giftigen Narrenkrautes, von Hülsenfrüchtlern und Ergebnisse von Tierstudien.
Krakauer führt eigene Erlebnisse und die Erlebnisse - und Todesarten - weiterer "Extremwanderer" auf und kommentiert auch diese. Es geschieht aus der Intention heraus, Chris' Charakter und Motivationen besser zu verstehen. In ihrer Ausführlichkeit im Verhältnis zur Story und dem Ergebnis - es waren ähnliche Beispiele, die mir nicht halfen, Chris mehr zu verstehen - empfand ich diese Passagen jedoch als Füllmaterial.

Was mich auch störte - hat aber nichts mit dem Informationsdefizit zu tun - ist der Aufbau des Buches. Ich hätte mir eine chronologisch straffere Form gewünscht, entweder vom tragischen Ende rückwärts oder halt vorwärts. J.K. springt zwischen den Erlebnissen auf der Tour, den Interviewpartnern, Erinnerungen der Eltern, anderen Originalen, eigenen Ansichten hin und her; ich empfand es als anstrengend.

Versteht mich nicht falsch:
Die Geschichte von Christopher McCandless ist tragisch, sie ist es auch wert, erzählt zu werden. Er kommt mir vor, als wäre er in der Pubertät zu einer gespaltenen Persönlichkeit geworden und die Wildnis Alaskas, in der er ja über 3 Monate überlebte, war dabei, ihn "ganz" zu machen. Ich kann nach der Lektüre nicht sagen, ob es einen "Grund" gab, daß Chris so - ich will mal sagen - naiv in die Wildnis Alaskas ging. Er hat sehenden Auges Empfehlungen in den Wind geschlagen und nur selektiv Vorbereitungen getroffen (zwar ein Buch über eßbare Pflanzen besorgt sowie Waffen und Munition, aber keine Geländekarte oder eine Axt). Letztlich war es das und sein dadurch bedingtes zu langes Verharren in dem Unterschlupf, die zu seiner Auszehrung und zu seinem Tod geführt haben, wie ich es sehe. Daß ein 24jähriger Mann nach einer 2jährigen Tour "on the road" und mit seinen dort gemachten Erfahrungen so handelt, ist für mich nicht nachvollziehbar.Charakterschwäche? Erziehungsfehler?Ich kann es nicht sagen, es erschließt sich  mir auch auch  nach der Lektüre nicht.

Die buchmäßige Bearbeitung durch Jon Krakauer finde ich dagegen nicht recht gelungen. Daher auch nur drei Sterne von mir. Erst einmal werde ich mir eine Pause von Chris gönnen und mir irgendwann den Film von Sean Penn anschauen. Ich bin neugierig auf die filmische Umsetzung.

Kommentare:

  1. Danke für diese Rezi!

    Ich bin über ein paar Berichte über den Film auf Chris aufmerksam geworden - und wußte nicht so recht, ob ich das Buch lesen sollte oder nicht. Oder ob ich besser den Film gucke oder es einfach bei den paar Informationen belasse, die mir durch die Medien zukamen oder ... >g<

    Jetzt bin ich noch gespannt, was du irgendwann zu dem Film sagst - und vielleicht kann ich mich dann ja zu einem Entschluss aufraffen.

    Grundsätzlich fände ich es nämlich schon interessant mehr über diesen Menschn zu erfahren. Aber deine Kritikpunkte können mich grundsätzlich auch die Wände hochtreiben (und ich bin eh gerade in einer nicht sehr toleranten Phase ;) ).

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  2. Wie erwähnt, findet ein anderer Leser die "Nebendetails" wahrscheinlich stimmig oder interessant; ich empfand es als Störung des Erzählflusses. Über den Film werde ich bestimmt hier auch noch posten :)

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  3. Über die Beschreibungen von Kleidung usw. könnte ich bestimmt hinwegsehen. Aber die Gefühle, die der Autor anscheindend in bestimmte Beschreibungen seiner Interviewpartner hineininterpretiert, könnten mich schon verärgern.

    Also warte ich mal deine Film-Rezi ab. :D

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  4. Ich glaube auch, dass das Buch nicht optimal ist. Andererseits ist das Buch die Vorlage für den Film - daher wird dieser naturgemaess in eine aehnliche Richtung gehen.
    Ueber Chris McCandless kann man sich Ewigkeiten Gedanken machen. Wenn man etwas genauer recherchiert findet man auch, dass sowohl Krakauer als auch Penn teilweise nicht genau genug recherchiert haben. Ich verweise auf die Seite von Ron Lamothe http://www.terraincognitafilms.com/wild/call_debunked.htm der einen anderen Film ueber diese Geschichte gedreht hat und andere Ursachen fuer Chris' Tod verantwortlich macht.
    So oder so. Mir gefiel der Film auch wesentlich besser als das Buch, aber die Tragik der Geschichte hat mich dennoch gepackt - auch wenn einen der Autor teilweise wahnsinnig gemacht hat ;)

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  5. Danke für den Link, Sayuri! Gerade habe ich nur die ersten Zeilen überflogen (*auf die Uhrzeit schaut*), werde später den Post richtig lesen :)

    Ja, Krakauers Stil im vorliegenden Buch motiviert mich nicht gerade, ein weiteres von ihm zu lesen (selbst wenn sie interessante Berichte enthalten) ;)

    Liebe Grüße!

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  6. Nee, die anderen Bücher von ihm lese ich sicher nicht ;)

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