Freitag, 13. November 2009

Dshamilja" von Tschingis Aitmatov

Heute findet im forum.buecherwurm0815 ein Leseabend statt. Und ich habe die Gelegenheit genutzt, mal wieder "Dshamilja"  von Aitmatov zu lesen. Die Novelle hatte ich doch schon etwas länger nicht mehr in der Hand.


Was jetzt folgt, ist den Teilnehmern des Leseabends bereits bekannt ...

Aitmatov war ein kirgisischer Schriftsteller, der erst letztes Jahr verstorben ist. Biographisch bin ich was ihn angeht kaum bewandert, aber es gibt ja Wikipedia. Aitmatov ist als Kind mit seinen Eltern von Weide zu Weide gezogen, war in Sowjetzeiten u.a. auch Steuereintreiber, hat später auch studiert (Veterinär und auch Literatur).

Dshamilja ist sein erstes Werk. Es war in meiner früheren POS (Polytechnischen Oberschule der DDR) Pflichtlektüre. Wenn mir gesagt wurde, daß ich ein Werk lesen  (oder hören oder sehen) mußte, war der Begeisterungsfaktor auf Null und die Motivation nur knapp darüber. Wenn ich mich richtig erinnere, fand sich eine gekürzte Version dieser Erzählung in meinem Lesebuch, ich las sie und sie gefiel mir. "Dshamilja" bekam später eine weitere Chance ... und ich verlor mich in der kurzen Novelle von knapp 80 Seiten.

Aufhänger der Story ist der zweite Weltkrieg. Wie in jedem beteiligten Land wurden die kriegsfähigen Männer eingezogen, nur die Alten, Versehrten oder Jungen sowie die Frauen blieben zurück. Die Novelle spielt in Kirgisien zur Erntezeit: Es sind keine Männer für die Erntearbeit da, also werden Jugendliche und auch Frauen hinzugezogen. Der Erzähler Seit - "heute" Maler - erinnert sich an diese Zeit, in der er als Jugendlicher im Ail (Dorf) lebte, und an seine Schwägerin, Djamila, deren Mann eingezogen ist. Der erste Absatz:

"Da stehe ich nun wieder vor dem kleinen Bild mit dem schlichten Rahmen. Morgen früh muß ich in den Ail fahren - ich betrachte es lange und unverwandt, als könnte es mir ein gutes Geleit geben."

Seit verehrt Dshamilja, ich denke, er ist ein wenig verliebt in sie. Er will sie beschützen. Sie ist eine starke Frau, sagt die Wahrheit, respektiert die Älteren, wie es im Ail damals üblich ist und wie die Kinder erzogen werden. Das Leben in einer Nomadengroßfamilie ist schwer, schon die innerfamiliäre Rangordnung bringt das mit sich. Briefe ihres Mannes von der Front sind an den Vater gerichtet, es gibt Grüße an ihn, an die Mutter, an Geschwister ... und  nach der Unterschrift erst den Gruß an die Frau, das ist normal im Ail. Daß es Seit auffällt, wie sehr Djamilia dadurch immer wieder verletzt wird, spricht für sich, oder?

Danijar ist Kriegsheimkehrer, verwundet, lahm auf einem Bein. Er stammt zwar aus dem Ail, als Waisenkind wurde er aber "wie loses Steppengras in die verschiedensten Gegenden geweht". Obwohl er bei der Arbeit auf dem Feld hilft, ist er verschlossen, still mit "nachdenklichen verträumten Augen". Wegen seiner Eigenarten wird er verspottet von den Halbwüchsigen...

Und während dieses Erntesommers treffen Seit und Dshamilja mit Danijar zusammen ...

***** Nachlese
Wie Aitmatov in dieser Novelle schreibt, finde ich wunderschön: Es erinnert ein wenig an einen Brief, den Seit schreibt oder einen langen ausformulierten Tagebucheintrag. Die Novelle ist in Ich-Form geschrieben, eigentlich mag ich das nicht. Wenn Aitmatov Seit erzählen läßt, wie Dshamilja auf den Hof rennt mit wehendem Kopftuch, dann sehe ich sie. Wenn Danijar wegen des äußerst dummen Streiches, den ihm Dshamilja u. Seit spielen (sie jubeln ihm einen extrem schweren Getreidesack unter, den er aus Stolz ohne Hilfe über ein schwankendes Brett in den Transportzug trägt und wobei seine Wunde wieder aufreißt), - dann leide ich mit Danijar. Wenn Seit schildert, wie er Danijars Singen empfindet, dann sehe den klaren Sternenhimmel über Steppe und Gebirge...

Seltsam, daß es manchmal mehrere Anläufe braucht, bis man in einer Geschichte ankommt. Wieviele Geschichten sind mir wohl entgangen, weil ich keine Lust hatte, sie überhaupt zu Ende oder - wie Djamila - noch einmal zu lesen.
 Spoilerwarnung

Dshamilja und Danijar ... Sie ist verheiratet, unglücklich, er ist ein entwurzelter Heimkehrer und einsam. Und als sie bemerken, daß sie sich verliebt haben, versuchen sie, sich dagegen zu wehren ... Und Seit, der junge künstlerisch begabte Schwager? Liegt es daran, daß sein Bruder nicht da ist oder daß er zu ihm keine innige Beziehung hat? Wie kommt es, daß Seit mit Dshamilja und Danijar mitempfindet und kaum an den Bruder im Lazarett denkt,der alsbald nach Hause kommen wird? Seit wird versuchen, seine Empfindungen in Bildern auszudrücken, er wird das Ail verlassen und Malerei studieren. Und das Bild malen, welches er zu Beginn der Novelle beschreibt:

"Den Hintergrund bildet der sich neigende fahle Herbsthimmel. Der Wind treibt rasch dahineilende scheckige Wölkchen über eine ferner Gebirgskette. Davor wogt die mit Wermut bewachsene rotbraune Steppe. Eine Straße, noch schwarz und feucht vom letzten Regen, durchzieht sie. Zu ihren Seiten liegt in dichten Büscheln verdorrtes umgeknicktes Steppengras. Der ausgewaschenen Räderspur folgen, je weiter, desto verschwommener, die Fußstapfen zweiter Wanderer. Die beiden Fußgänger selbst scheinen nur noch einen Schritt machen zu müssen, um hinter dem Rahmen zu verschwinden..."

Ich fühle mich ein wenig, als würde ich in eine bequeme Jacke schlüpfen und unter einer altbekannten Wohlfühldecke liegen, so, als wäre man wieder an einem heimeligenn gut bekannten Ort. Schön.

Kommentare:

  1. Ich habe das Buch im April glaub ich gelesen und ich fand es klasse. Mein bisher einziger Aitmatov.

    Liebe Grüße!

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  2. Edda aus dem Bücherforum hat mir jetzt noch "Der erste Lehrer" empfohlen, ist auch schon auf meiner Wunschliste. "Frühe Kraniche" von ihm fand ich auch toll, aber das Ende ist , hm, frustrierend, gewesen...

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