Montag, 12. Oktober 2009

"Sputnik Sweetheart" von Haruki Murakami

Sayuri hatte Recht. "Sputnik Sweethart" von Haruki Murakami "ist etwas für mich" gewesen. Auf ihre Empfehlung hin hatte ich vor Jahren "Naokos Lächeln" von ihm gelesen und fand diesen Roman bezaubernd, traurig, schön. Als ich sie letzten Dienstag besuchte, kamen wir u.a. auf Murakami zu sprechen, da wir seine Erzählung "Schlaf" in einer wunderschönen gebundenen Ausgabe in der Hand hatten. Als Katzenliebhaberin meinte sie zu mir, daß "Kafka am Strand" - obwohl interessant -  für mich wohl auch nicht wirklich empfehlenswert sei. Aber ich möge "Sputnik Sweetheart" lesen, den ich mir auch gleich von ihr auslieh. Über das Wochenende bin ich nicht wirklich zum Lesen gekommen, aber nachdem ich heute früh um 06.00 Uhr vom Flughafen zurückkam - ich habe meine Freundin S. zu ihrem Flieger nach München gebracht - , habe ich mir ein Brötchen gemacht, einen frischen Pott Krümelkaffee aufgebrüht und mich mit dem Roman auf's Sofa gekuschelt.

Worum geht es? Der Erzähler K.ist ein junger Lehrer von 24 Jahren, der auf der Uni Sumire kennen- und liebenlernt. Sumire ist zu Beginn der Erzählung 22 und erwidert seine Gefühle in romantischer Hinsicht nicht; er ist ihr bester Freund. K. ist ruhig, introvertiert, einsam und öffnet sich emotional im Grunde erstmalig Surime. Surime ist neugierig, voller Fragen, lebendig, möchte Schriftstellerin werden und hat noch nie wahrhaft geliebt. Zwischen ihr und dem Erzähler finden intensive ehrliche Gespräch statt über Literatur, Leben, Liebe, er ist der Erstleser ihrer Texte. Auf einer Hochzeit lernt  Surime dann Miu kennen. Und hier ist dieses Mal nicht nur der erste Satz des Romanes:

"Im Frühling ihres zweiundzwanzigsten Lebensjahres verliebte sich Sumire zum allerersten Mal. Heftig und ungezügelt, wie ein Wirbelsturm über eine weite Ebene rast, fegte diese Liebe über sie hinweg ... Sumires Liebe war siebzehn Jahre älter als sie und verheiratet. Überdies, so sollte man hinzufügen, handelte es sich um eine Frau."

Miu ist eine selbständige Frau, die u.a. einen Weinhandel betreibt, sie tritt elegant, selbstbewußt auf und ist geheimnisvoll. Zu Beginn ihrer Bekanntschaft sagt Miu zu Sumire: "Sie können es natürlich nicht wissen.... Was Sie hier vor sich sehen, ist nicht mein wahres Ich. Seit vierzehn Jahren bin ich nur noch ein halber Mensch. Ich wünschte, ich wäre Ihnen begegnet, als ich noch vollständig war..."

Miu bietet Sumire, die eine Schreibblockade hat, einen Sekretärinnen-Job an, den Surime annimmt. Im Laufe des Romans reisen die beiden Frauen u.a. auf eine griechische Insel und von dort erhält K. einen Anruf. Miu bittet ihn um Hilfe: Sumire ist verschwunden. Und natürlich fliegt K. nach Griechenland.

Nachlese
Aus den vorstehenden Zitaten (Quelle btb-Taschenbuch, 1. Aufl. Juni 2004 in der Übersetzung von Ursula Gräfe) kann man den Schreibstil erkennen, den Satzbau, die Sprache. Natürlich kenne ich das japanische Original nicht, aber der deutsche Text erscheint mir flüssig, sprachlich wundervoll, K.'s Metapher stimmig eingebracht.


An manchen Stellen überraschte mich Murakamis Detailtreue, u.a. dazu, welche Marken die Kleidung oder Accessoires von Miu haben oder ws z.B. in Griechenland passiert. Schließlich ist der Erzähler ja männlich und erfährt vieles nur durch Erzählungen Sumires oder Mius. Dies aber nur am Rande.

Es wäre wohl kein Roman Murakamis, wenn nicht Surreales eingebunden wäre, worüber meine Freundin Sayuri, ihr Freund und ich uns auch schon unterhalten haben

- Spoiler-Warnung -.

Mius Geschichte wird erzählt - Nach ihrem eigenen Empfinden fand eine Abspaltung eines Persönlichkeitsteils statt, sie ist seitdem wortwörtlich nicht mehr vollständig. Sumire verschwindet auf der Insel ohne eine Spur, aber sie ist nicht ertrunken oder ermordet oder abgereist von der Insel. K. hört in der Nacht, die seiner Suche folgt, griechische Musik und stolpert hinaus: Er muß um seine Selbstbeherrschung kämpfen, um nicht sich selbst zu verlieren. So sind letztlich alle Figuren auf der Suche nach jemanden oder einem verlorenen Teil ihrer Selbst, entweder weil sie bereits Kontakt zu einer anderen Realität hatten wie Miu, oder weil sie diese Realität jetzt "erfahren". K. vermutet, daß Sumire nur deswegen ohne Spuren verschwunden ist, weil sie einen Zugang in eine andere Realität gefunden hat, dort die für sie notwendige "Magie" für das Schreiben findet und möglicherweise Mius anderes Ich trifft. Und obwohl er in die Nähe dieser Realität kommt, als er die griechische Musik hört, ist er - noch nicht - in der Lage, sie vollständig anzunehmen, zumindest nehme ich es so wahr. Durch Sumires Verlust verändert sich natürlich auch K. und in gewissem Sinne geht daher auch ein Teil seiner selbst aus dem "Hier" fort und folgt vielleicht Sumire. Und der Roman endet hier ja noch nicht.

Was bleibt im Hier? "Weiße Knochen" - das Bild, welches K. durch den Kopf geht, als er nach einem halben Jahr zufällig eine erneut deutlich veränderte Miu sieht, die ihn jedoch nicht wahrnimmt. Eine leere Hülle? Ein lebensfähiger Teil? Nichts, wie bei Sumire? Die Frage kann ich nicht beantworten, hier kommt zu sehr der Surrealismus ins Spiel. Der Roman hinterläßt durchaus Fragen, leichtes Verwirrungsgefühl, was ich aber nicht als unangenehm empfinde. Er ist seltsam, ja, aber trotzdem schön.

Kommentare:

  1. Das Buch ist bei meinem letzten Bücherflohmarktbesuch mit gekommen. Jetzt subt es noch bei mir. Aber nachdem ich deine Meinung dazu gelesen habe, sicherlich nicht mehr lange.
    - woerterkatze

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  2. ich hoffe, du findest auch daran gefallen!

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