Sonntag, 18. Oktober 2009

"Hexendreimaldrei" von Claudia Toman

Wie es manchmal so geht ...

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Ich fand (und finde) die Autorenlesung gut und witzig (die Videogestaltung mit der musikalischen und fotografischen Untermalung gelungen) und ging zu meinem Buchhändler hier vor Ort. So kam das "Hexendreimaldrei" zu mir nach Haus. Die ersten Sätze des Vorspiels (Diana Verlag Ausgabe 6/2009) lauten wie folgt:

"Das darf doch nicht wahr sein. Geschlagene siebeeinhalb Minuten sitze ich jetzt hier im Dunkeln, auf dem einzigen WC im Pfarramt, und kaue an meinen Nägeln. Das ist wahrscheinlich kein günstiger Zeitpunkt, um eine Nagelschere zu brauchen. Der Klodeckel ist auch nicht besonders bequem. Wie schade, dass sich die Kirche keinen Plüschbezug leisten kann oder zumindst Frottee..."

Die Ich-Erzählerin Olivia, Schriftstellerin, 29 Jahre, Katzenhalterin, ist auf der Hochzeit IHRES "Märchenprinzen", der dummerweise gerade dabei ist, eine andere zu heiraten. Deswegen ist sie auch geflüchtet. Da sich eine Streichholzschachtel auf dem Klo befindet, zündet Olivia in ihrem emotionalen Ausnahmezustand ein Streichholz an ... und ein in ein rosafarbenes Tütü gekleideter, sorgfältig gefönter und äußerst generverter - weil gestörter - Feerich erscheint.Völlig überrumpelt formuliert Olivia ihren einen Wunsch: Ihr Traumprinz soll in einen Frosch verwandelt werden. Und so beginnt eine etwas andere Erzählung vom "Froschkönig" und der "Prinzessin" Olivia, die sich auf die Suche begibt, um den Frosch wieder in den Traumprinzen zu verwandeln. Gut, daß eine Internationale Hexenvereinigung gibt! Oder vielleicht doch nicht?

Nachlese
Der Roman gliedert sich in Vorspiel, 1. Teil (Der Forsch), 2. Teil (Die Hexen) und Nachspiel. Einen kleinen Eindruck in den Schreibstil der Autorin kann man durch das vorstehende Zitat bereits bekommen: Der Ton ist im allgemeinen komisch und selbstironisch. Die Autorin schildert im Wechsel die "aktuellen Ereignisse" und Erinnerungen: wie sie "ihren Traumprinzen" kennengelernt hat, wie sie den "Shakespeare-Pakt" schloß, was sie als Kind erlebte (oder nicht erlebte?). Zu der Geschichte habe ich sofort Zugang gefunden. Besondes im Vorspiel und ersten Teil hatte ich häufig das Gefühl, mir würde eine Bekannte oder Freudin von ihren - wenngleich bizarren - Erlebnissen am Telefon berichten. Die Sprache ist lebendig, aktuell, Umgangssprache. Olivia ist Schriftstellerin und es kommt so manches Mal Selbstironie durch, z.B. 

"Wir fahren eine Weile schweigend. Der sonnige Frühlingsvormittag hat sich verabschiedet und ist einem bewölkten Himmel gewichen, aus dem es bestimmt bald wie aus Eimern gießen wird. Wie furchtbar illustrativ, denke ich, und mache mir im Kopf eine Notiz, solche platten Bilder beim Schreiben möglichst zu vermeiden."

Nur am Rande:
Mir sind ein paar Bandwurmsätze aufgefallen. Es sind wirklich nur wenige und den vorstehend zähle ich natürlich nicht dazu. Da mein Chef regelmäßig in Bandwurmsatzformulierungen (grins) verfällt und ich sie schreiben "darf", bin ich vermutlich übersensibilisiert. Und ich merke es hier im Blog selbst: Es kann recht schwierig sein, in kurzen bzw. kürzeren Sätzen textliche oder gedankliche Zusammenhänge darzulegen.

Den Shakespeare-Pakt, den ausgesuchte angehende Schriftsteller (auch Olivia) mit Shakespeare schließen, finde ich klasse. Die zu befolgenden Gesetze
1) Regelmäßigkeit
2) Echtheit
3) Liebe
wendet nicht nur Olivia an,scheint mir. Hat doch Claudia Toman, wie ich gesehen habe,z.B. eine Vorliebe für London und Katzen. O.k., das hätte ich nicht nachlesen müssen. Es ergibt sich aus dem Roman; die Katzen- und Londonpassagen sprechen für sich. Vielleicht haben ja Grisou Labelle und Neko konkret Modell gestanden für die zwei wichtigen Katzenpersönlichkeiten im "Hexendreimaldrei".

Es gibt im Roman Passagen, die "von außen" beschrieben werden, so als würde ein Dritter die Szenerie beobachten: Olivia, die schreibende Protagonistin, gibt eine  Situation als "Szene" wieder; der Ton bleibt witzig. Es gibt aber auch Passagen - im 2. Teil des Romanes -, in denen nicht nur die Perspektive wie gerade wechselt, sondern auch der Ton (ein weiterer offensichtlich bewußter Bruch). Der Ton ist hier ernst, beobachtend, analysierend, fast möchte ich unpersönlich sagen (jedenfalls empfand ich es so), spricht hier Olivia oder ihre Schöpferin?

In dem Roman gibt es Hexen, aber es ist kein Fantasyroman. Es geht um Liebe, aber es ist kein Liebesroman in diesem Sinne. Es wird erzählt, fabuliert, geträumt. Im "Hexendreimaldrei" werden mehrere Genres vermischt, was naturgemäß nicht alle Leser mögen werden. Schön, daß man z.B. in Buchhandlungen ja die Gelegenheit zum hineinlesen hat. In mir brachte "Hexendreimaldrei" z.B. die Erinnerung an den vor Jahren gelesenen Roman "Stein und Flöte" hervor und den Gedanken, daß man sich immer mal wieder neu suchen und finden muß.

Ein Passus ist mir besonders in Auge gefallen. C.Toman läßt Olivia gerade schildern, wie sehr sie Covent Garden und das dortige Treiben genießt, und bringt es, wie ich finde wundernschön, auf den Punkt:

"... und fühlte mich herrlich, angefüllt mit Augenblicken."

Kommentare:

  1. Ich habe schon eine Weile überlegt, ob ich das Buch lesen soll, aber ich habe eher gehört, dass es mehr 3 sein soll. Cover und Klappentext sprechen mich zwar sehr an, aber ich müsste Geld ausgeben für das Buch und das mache ich sonst eher nie.
    Deine Rezi gefällt mir sehr gut!

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  2. Oh, Danke (freu)

    Falls Dich die Neugierde zu sehr umtreibt, kann ich Dir das Buch auch gern mal leihen,Adreßbekanntgabe z.B. über Bücherblogs. Meld Dich einfach :)

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