Donnerstag, 15. Oktober 2009

"Johannes Cabal - Seelenfänger" von Jonathan L. Howard

Welch ein seltsames Buch.

Obwohl das Cover ja sehr düster wirkt, hatte ich in der Buchhandlung beim groben Blättern doch den leisen Anfangsverdacht, es sei ein Jugendbuch. Nicht, daß das etwas schlimmes wäre - denke man nur an die Potter-Romane. Nachdem ich die Lektüre gestern beendet habe steht für mich fest, kein Jugendbuch.

Aber von Anfang an. Hier ein paar Sätze aus dem ersten Romankapitel (Goldmann-Roman, 1. Aufl. Okt. 2009 in der Übersetzung von Jean-Paul Ziller):

"Walpurgisnacht, Hexensabbat, die letzte nacht im April, in der das Böse umgeht. Er war an einem trostlosen einsamen Ort, wo niemand ihn stören oder bespitzeln konnte ...Johannes Cabal war dabei einen Dämonen zu beschwören ... Während er die Große Beschwörungsformel zitierte, dachte er dass mancher Magier der Welt einen größeren Dienst erwiesen hätten, wenn er sich auf das Verfassen von Kreuzworträtseln beschränkt hätte..."

Nach der Beschwörung landet der Leser dann - ohne Cabal - im Vorhof der Hölle, allein. D.h. allein mit all den Seelen, die in die Hölle wollen. Richtig gelesen, wollen, denn alles was sich hinter dem Tor befindet muß einfach besser sein als die Vorhölle. Satan hat den Bürokratismus entdeckt und so gibt es Schlangen über Schlangen wartender Seelen, die sich ein Formular 9 zwecks Erhaltes des Formulars 7A mit weiterführender Anlage 8c zur Erreichung des Formulars k27 .... - erinnert sich noch jemand diesen Song, ich glaube von Reinhard May? Gemeinerweise werden Rechtsschreibfehler nicht akzeptiert, nur Schreibgeräte, aber keine Korrekturmittel ausgegeben und natürlich kein Glossar o.ä.. Die Hauptfigur des Romans, Johannes Cabal, deutscher Nekromant, Wissenschaftler, lebendig aber ohne Seele, vollständig - wenn auch bizarr - bekleidet und insbesondere mit einer Gletscherbrille versehen, taucht auf, kommt relativ problemlos durchs Tor und erhält seine Audienz bei Satan. Die beiden schließen eine Wette: Er bekommt seine Seele, wenn es ihm gelingt 100 Seelen für den Teufel zu sammeln - freiwillig aufgegeben und natürlich vertragsmäßig auf einem Formular unterzeichnet. Und Satan gibt ihm zusätzlich Schaubuden und Magie für einen teuflichen eingemottenen Jahrmarktszug und etwas satanisches Magie. Und schon landet Johannes - und wir mir ihm - im Nirgendwo. Welches sich in Großbritannien gelegen herausstellt, will ich mal behaupten. "Wann" die Story spielt, wird nie so richtig deutlich, aber es gibt Strom, es scheint zumindest nach 1918, vielleicht sogar nach 1945 .Johannes Cabal ist kein Held, er hat keine Seele und sein innerer Handlungskompaß wird von anderen Moralvorstellungen bestimmt. Er ist zynisch, brutal, nur auf sein Ziel - 100 Seelen - ausgerichtet und macht sich entsprechend kühl kalkulierend und kalt daran, daran seinen Teil der Wette zu erfüllen...

Dies sind übrigens die zwei Cover, die ich bei amazon.co.uk gefunden habe.

Mir persönlich gefällt das deutsche Cover besser.


Nachlese
Vom Schreibstil und dem makabren Humor sofort gefangengenommen hatte ich am Anfang jedoch Probleme mit der Story. Zu mysteriös und rätselhaft waren die Sprünge am Anfang, bis der Jahrmarkt tatsächlich on Tour ging. Der Hauptstrang der Geschichte ist zwar "linear", doch verwirrten mich etwas die versteckten Hinweise und verworrenen Schilderungen zur Monstrosität im Druinschen Anwesen. Das wird der Autor ja bewußt so gestaltet haben und er löst es ja auch am Kapitelende auf. Als geringfügig zu überflüssig empfand ich es trotzdem.

Die Mischung von Wissenschaft, trockenem und makabrem Humor, skurillen dämonischen Gestalten, sensilbel gezeichneten normalen Menschen - insbesondere in den letzten beiden Örtchen - hat mir gefallen. Vermutlich kann der Roman auch als Einzelwerk gelesen werden ohne die weiteren zwei Teile. Vermutlich wird aber auch der Leser, dem diesen Buch gefiel, ähnlich wie ich neugierig sein, wie es mit Johannes weitergeht. Und ich hoffe auch, daß nicht nur die Story weitergeführt, sondern auch der Hintergrund mehr beleuchtet wird. Da habe ich nämlich ein paar Fragen im Kopf:

Spoilerwarnung

Johannes Cabal trägt fast ständig seine Gletscherbrille.Ein solche dient ja grundsätzlich dem Lichtschutz. Nun ist es in der Hölle vielleicht sehr heiß und auf der Erde manchmal sonnig - aber offensichtlich trägt er sie auch während des nächtlichen Jahrmarktes. Hm. Im der letzten Station des Jahrmarktes, dem Örtchen Penlow on Thurse hat er ein Gespräch mit Mr. Barrow, in dem es um den Tod und "das danach" geht. War Johannes Cabal bereits einmal tot? Oder hat er nicht nur die Hölle als Lebender besucht?

Er will seine Seele wiederhaben, wegen der Wissenschaft. Dies gibt er als seine Motivation gegenüber Satan an und auch gegenüber Horst wird nichts anderes deutlich. Aber da ist noch etwas anderes, was zumindest der Leser aus einer Andeutung heraus in den ersten Kapiteln in der Hölle erfährt. Was es genau ist, erfährt man dort noch nicht, aber am Ende des Romans zeichnet sich dies deutlich ab.Obwohl Johannes so handelt, wie es für jemanden ohne Seele zu erwarten ist, gibt es "mehr" in ihm: schließlich reagiert er zumindst zwiespältig auf Horst und den Soldaten, auf Barrow und dessen Familie, auf Nea und auf das, was ihn die Wette überhaupt erst eingehen läßt. Natürlich erfährt nur der Leser hiervon. Warum er die Seele "verkauft" hat, dürfte sich dem Leser am Ende des Romans bereits erschließen. Ich bin aber auch neugierig, wie das mit Horst geschah und die Geschichte auf dem Druinschen Anwesen. Mich persönlich würde es auch interessieren, wie es zu der Gartengestaltung im Cabalschen Anwesen kam. Befindet sich dieses in Deutschland?

Ich hoffe, daß der Autor in den folgenden Teilen nicht nur die Geschichte fortführt, sondern auch erhellende Flashbacks einarbeitet. Da heißt es wohl noch abwarten. Keine Ahnung, ob der zweite Teil erst in Arbeit ist oder bereits für die Veröffentlichung vorbereitet wird,  bei amazon.co.uk war noch nichts zu sehen.

Kommentare:

  1. Hi Natira

    Das Buch hab ich auch auf meiner Wunschliste. Denn das Cover hat mich irgendwie angesprochen. Und die Story klingt wirklich etwas abgedreht aber ich denke mir könnte das wirklich gefallen, danke für deine Rezi ;)

    Liebe Grüsse
    Alexandra

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  2. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich in letzter Zeit die Bücher häufen, die man nicht auf Anhieb einordnen kann. Bei "Flavia de Luce" ging es mir ja ähnlich ...

    Ansonsten hört sich das Buch nach einer faszinierenden Lektüre an! Ich hätte gerade auch mal wider richtig Lust auf eine eher skrupellose Hauptfigur ...
    Was gar nicht gut ist, wenn ich die Größe meines SUBs bedenke. ;)

    Oh, und mir gefällt das gelbe englische Cover gar nicht schlecht. Das deutsche ist zwar gut anzuschauen, weckt aber ganz andere Erwartungen in mir. Nach deiner Rezi würde ich das Gelbe als passender empfinden ...

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  3. Auch beim gelben Cover würde ich zunächst "verspielt" denken, besonders angesichts des abgebildeten Hasen. Beim deutschen Cover finde ich das Düstere gut eingebunden, das weiße britische Cover finde ich eigentlich auch nicht schlecht, da hätte ich aber an "Tanz der Teufel" gedacht...

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  4. Das deutsche Cover erinnert mich aber vom Stil her eher an ein Jugendbuch.

    Und trotz des Hasen finde ich das gelbe Cover nicht verspielt, sondern skurril ... >g<

    Lustig, wie unterschiedlich solche Eindrücke sind!

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  5. ;) Jugendbuch war ja auch mein erster Eindruck... Nur am Rande frage ich mich, auf welcher Basis der deutsche Verlag entscheidet, ein vollkommen anderes Cover zu ordern... tja, auch coverzeichner/gestalter wollen leben.

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  6. Ich weiß nicht, wie es bei Romanen ist, die aus anderen Sprachen übernommen werden. Aber bei einem deutschen Fantasytitel habe ich schon mitbekommen, dass der Verlag das Cover nach der angestrebten Zielgruppe und nicht nach dem Inhalt des Buches gewählt hat. >seufz<

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  7. Eine wunderbare, sehr aufschlussreiche Rezension – die mir allerdings deutlich macht, dass das Buch eher nichts für mich sein dürfte! ;)

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  8. Hm, Du kannst Dich ja trotzdem mit Winterkatze kurzschließen ;)

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  9. Woher weißt du, dass Cabal aus Deutschland stammt? Ich hab wirklich drauf geachtet und konnte nirgends einen Hinweis auf Handlungsort und Handlungszeit entdecken... Weißt du zufällig auch, zu welcher Zeit das spielt? Wo hast du die Hinweise entdeckt?

    Danke schonmal für die Antwort.

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  10. Hallo und Willkommen Cara!
    Ich würde Dir zu gern die Frage beantworten, indem ich im Roman nachschlage, aber ich habe es verliehen und komme leider in der nächsten Zeit nicht an das Buch ran! Sorry!

    Die Zeit wird ja nicht ganz klar, aber wenn ich mir recht erinnere, taucht in einem Bahnhof der Geist eines Soldaten auf. Im Zusammenhang mit dem Strom habe ich auf die Zeit nach einem der Weltkriege getippt, also nach 1918 oder nach 1945.

    Was die deutsche Abstammung angeht, kann ich aus der Erinnerung nicht mehr wirklich etwas sagen... Vielleicht gab es einen Hinweis im Zusammenhang mit Cabals Bruder, oder dem Heim... Ähnliches gilt zum Handlungsort, ich müßte im Buch blättern ;)

    Viele Grüße! Natira

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  11. "Ich würde Dir zu gern die Frage beantworten, indem ich im Roman nachschlage, aber ich habe es verliehen und komme leider in der nächsten Zeit nicht an das Buch ran!"

    Äh, ich würde ja mal eben nachgucken, aber ich habe keine Ahnung, wo das stehen könnte. Und vor dem 16. werde ich meine Nase wohl nicht in das Buch stecken können. ;)

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  12. Nun, nach der Leküre kannst Du dann vielleicht für Aufklärung sorgen... falls Dir etwas aufgefallen ist, Winterkatze!

    Nach der Spoilerwarnung in meinem Post wird jedenfalls Penlow on Thurse erwähnt, was für mich weiterhin nach UK klingt. Und offenbar hat meine Überlegung zur deutschen Abstammung etwas mit dem Garten des Anwesens zu tun...?

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  13. @Cara: Nachdem ich das Buch gestern endlich ausgelesen habe, kann ich dir eine Antwort auf die Herkunftsvermutung von Natira geben. Es wird immer wieder im Buch betont, dass Cabal einen leichten deutschen Akzent hat - und da würde es ja nahe liegen, dass er ein Deutscher ist. :)

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  14. ah... das wars es :) Danke Winterkatze!

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