Samstag, 12. September 2009

Der Zweifel

Es klang im gestrigen Post schon deutlich an, daß mich dieser Roman nicht überzeugt hat. Es war ein Mängelexemplar-Kauf, entweder bei Zweitausendeins oder Jokers, ich erinnere mich nicht recht. Jedenfalls war es ein "Katalog-Kauf" und beruhte auf der dort abgeedruckten "Umschlagtext"-Information:
"Don César Rinconeda ist aufgewühlt: sein Lebenswerk steht auf dem Spiel. Das grandiose Stilleben seines Barockmalers, das er entdeckt hat - und wer wüßte mehr über ihn? - soll in Wahrheit von einer fast unbekannten italienischen Malerin stammen? Unmöglich, was die junge Forscherin Brunhild Cornelius Björnstrom behauptet! All sein Temperament und seine Alterslist nimmt er zusammen, um den bösen Spuk zu beenden. Wäre da nur nicht der Zweifel, den sie gesät hat. Das Stilleben - eine in sich ruhende Idylle? Von wegen, wie dieser gift funkelnde Roman aus Spanien zeigt."
"Der Zweifel" ist der erste Roman von Frau Angeles Saura, der jüngeren Schwester des spanischen Regisseurs Carlos Saura und des 1998 gestorbenen Malers Antonio Saura (keiner dieser Namen sagt  MIR etwas), wie der Umschlagtext weiter ausführt. Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde durch Jürgen Dormagen vorgenommen. Das Copyright liegt bei der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, Druck fgb - freiburger graphische betriebe. Das Buch hat ungefähr A5-Format; die 115 Seiten sind engzeilig bedruckt, sind aber zur Größe eher zwischen A5 und A6 anzusiedeln. Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der Romantext beginnt auf Seite 9 mit dem Zitat:
"Niemals, aberwitzige Frau, nie im Leben hast du das malen können!"
Den gestrigen Tag habe ich diesen Roman gelesen, im Zug, während der Wartezeiten auf den Bahnhöfen, in den Kaffee- und sonstigen Pausen der Fortbildung und den Rest gestern abend im Bett. Gut, daß ich nichts anderes als Fachliteratur dabei hatte. Ich war tatsächlich versucht, mir das Skript zu nehmen ....

Ich habe bereits an anderer Stelle erwähnt, daß ich eine ganz normale Leserin bin. In diesem Fall kommt hinzu, daß ich naturgemäß die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen kann. Schließlich kenne ich ja nur die vorliegende Ausgabe und - soweit ich weiß - auch keine weiteren Übersetzungen von Herrn Dormagen. Was ich sagen will: Inhalt und Sprache + Form sind die Dinge, die mich zum Weiterlesen animieren.

Die Geschichte an sich fand ich schon interessant. Wie reagiert ein 84jähriger Kenner und besessener Liebhaber "seines Malers", wenn ihm vorgetragen wird, daß sein Lieblingswerk dieses Malers gar nicht von letzterem stammt? Geht er den Beweisen nach? Ist er in der Lage, sein Lebenswerk umzustoßen? Wird er sein Lebenswerk  -und "seinen" Maler - schützen, und falls ja, wie? Kommt er damit "durch"?

Leider hat mir Frau Saura die Geschichte verleidet, und zwar durch die gewählte Form:

Zunächst einmal mag ich die Hauptfigur gar nicht als Erzähler bezeichnen. Zwar wird der Roman aus Sicht von Don César geschildert. Da die Erzählweise mit zwei oder drei Ausnahmen vollständig indirekt ist, hatte ich eher das Gefühl, "im Kopf" der Hauptfigur zu sitzen und den "ohne Punkt und Komma" verbundenen Gedankengängen Don Césars zuzuschauen, bei denen es sich einerseits um - nicht nur melancholische - Erinnerungen handelte und anderereits um aktuelle Planungen, Überlegungen und Ereignisse.

Dazu kam, daß ich bereits ab Seite 18 begann, Absatzmarken herbeizusehnen. Denn ein Absatz deutete ein Satzende an! Zu Beginn von Teil I gab es noch Sätze, die hörten nach 1 1/2 Zeilen auf. Vielleicht wurde es Frau Saura ja zu langweilig, nach allgemeinen Maßstäben oder Erwartungen Sätze zu beenden. Vielleicht liebt sie auch Kommata und Semikolons mehr als alles andere. Ich weiß es nicht. Die Sätze jedenfalls wurden länger und länger. Es kam im Roman nicht nur einmal vor, daß ein Satz über 3 bis 5 Seiten ging (ein Satz wurde nach 9 Seiten beendet). Hinzu kam der dadurch bedingte exzessive Gebrauch folgender Wörter: und, dann, denn, also. Kleines Beispiel - keine Sorge, ich habe einen der kürzeren Sätze zu Beginn von Teil I gewählt :) -: 
"Und da er nicht müde war und gar nicht daran dachte, sich hinzulegen, bevor sein Schicksal vollendet war, und sich später nur anderthalb Stunden auf dem Sofa ausruhen würde und auch dies nur für alle Fälle, würde er zum Dachfenster gehen und sich beim Anblick des aufziehenden Morgens eine Pause gönnen."
Trotz meiner beruflich bedingten Gewöhnung an "Bandwurmsätze", die sich über drei bis vier Zeilen eines DIN-A4-Blattes ziehen: In diesem Buch wurde Hardcore-Satzbau betrieben. Hiervon bin ich und werde ich kein Fan. Ich gehe auch davon aus, daß nicht nur ich einen strukturierten Absatz oder eine solche Seite als besser lesbar und nachvollziehbar empfinde.

Stilistisch geht es im übrigen wie gerade zitiert in dem Roman weiter. Ob Frau Saura nun den  84jährigen Erzähler zur Charakterisierung solche Worte wie "entfleucht", "Fleischlichkeit", Klagelieder", "wohlduftend", dahinsiechend" benutzen läßt oder ob Herr Dormagen durch Nutzung von Thesaurus bzw. des Grimmschen Wörterbuches zu dieser Wortwahl kommt, kann ich nicht beurteilen. Ein 84jähriger "Don" könnte sie jedenfalls benutzen, denke ich.

Im besten Falle seltsam, im schlimmsten Falle als stilistischen Einbruch und nervend empfand ich dagegen folgende Beschreibungen:

"kreischige" (Familie), "rattenfellige Katze, das kratzpfötige Katzenviech",
"mein Kolibri, nur ein paarmal an derselben Blüte, und abgeschwirrt der Schwirrfolge zur nächsten..."
"bereits hellichter Tag ist und nicht golden, nicht granatapfelzart, sondern drückend schwül"
"ein gutgeschnittenes Gesicht erblickte, das mich umgehauen hat, ein so gesetzter Herr ich damals auch war mit meinen einunfünfzig Jahren, der Länge nach hat es mich umgehauen, denn das ist es, was und im Leben umschmeißt"

Als kleiner Einblick soll das reichen.

Um etwas positives zu erwähnen: Als Mängelexemplar habe ich ihn günstig erworben
Sein weiteres Schicksal: Er wird kein dauerhafter Bewohner meiner Bücherheimstätte werden.

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