Sonntag, 6. September 2009

Das verschollene Bild

So, es ist also so weit. Als ich heute abend meine Freundin R. besucht habe und warten mußte, bis sie ihren Lütten ins Bett gebracht hatte, las ich mein Buch "Das verschollene Bild" von Michael Frayn aus. Der erste Satz lautete

"Ich habe eine Entdeckung anzuzeigen."

Der Ich-Erzähler Martin, verheiratet mit Baby, ist ein Ikonologe. Er schreibt gerade an einem Buch - ebenso wie seine Frau (Fachgebiet Ikonographie) -, die Familie hat sich für geplante zwei Monate aufs britische "Land" begeben, um mit den Büchern voranzukommen. Ihr Nachbar Tony Churt lädt die beiden zum Dinner ein und bittet sie darum, ein paar Bilder einzuschätzen. Martin fühlt sich zu einer Reaktion veranlaßt und nimmt die fraglichen Bilder in Augenschein. Dabei macht er die von ihm eingangs erwähnte "Entdeckung". Eines der Bilder, so vermutet er, ist ein verloren gegangenes Bild aus dem Jahreszeitenzyklus von Pieter Bruegel dem Ältern. Wie kann es in seinen Besitz kommen? Ist es wirklich ein Bruegel? Nur kurz hat er es betrachtet, weil er keinen Verdacht erregen wollte. Und so wird er zu Ahab und das Bild zu seinem weißen Wal:

Im Verlauf des Buches erfährt der Leser nicht nur, wie Martin versucht, das Bild als einen Bruegel zu identifizieren, seine Frau zu überzeugen, einen Plan zu entwickeln, um das Bild zu  bekommen, Geld zu organisieren, sich aus privaten und geschäftlichen Verwicklungen wieder herauszuwinden. Sondern M.F. gibt dem Leser weitergehendes "Futter": Er läßt den Leser an Martins Recherchen teilhaben. Man erfährt mehr über Bruegel bzw. seinen Gönner und über sein weiteres Schaffen. Die Geschichte der Niederlande unter Philipp II. von Spanien wird geschildert. Diverse Ikonologen und Ikonographen und Kunsthistoriker, die von Martin im Rahmen seiner Recherche gelesen werden, erscheinen mit ihren Ansichten im Roman. Und auch Martin mit diversen Interpretationen des Bruegelschen Werkes bleibt nicht außen vor.

Es war durchaus faszinierend,die verschiedenen Herangehensweisen an den Jahreszeiten-Zyklus und die weiteren Werke von Pieter Bruegel d.Ä. zu durchleuchten. Je nachdem, aus welcher Perspektive Martin die Werke betrachtet - spanische Unterdrückung oder z.B. Religion -,  entdeckt er "Beweise" in den Werken oder interpretiert die Werke zumindest entsprechend. Aus der deutschen Wikipedia habe ich entnommen, daß es wohl tatsächlich 6 Bilder des Jahreszeiten-Zyklus gegeben haben soll, wobei des 6. verlorengegangen ist. Dieser Roman beschäftigt sich mit der Frage, ob Martin dieses verschollene 6. Bild auf dem Land entdeckt hat. Es ist eine Vermischung zwischen Realität und Fiktion, informativ und auch spannend. Die Informationsflut ist, wie ich finde, allerdings auf mehreren Ebenen umfangreich - Ikonologie, Ikonographie, Geschichte des Künstlers und seiner Werke, Geschichte der Niederlande und Rahmengeschichte - und reizt vielleicht aus diesem Grund nicht jeden.

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