Samstag, 31. Januar 2015

Januar 2015: Zugänge zum SuB und Winterkatzes SuB-trahiert

1) Zugänge
Dieser Bücherstapel ist in diesem Monat bei mir eingezogen, wobei die obersten drei Exemplare bereits gelesen bzw. gehört sind:


 Die Nachlese von "The Art of Asking" ist online, der Nach-Klang zu "Frauen - einfach genial" auch. Zu Buzbees "The yellow-lighted Bookshop": tja, hm, ganz nett, etwas Historie der Entwicklung von Buchläden, etwas Autobiographie mit Jobs in der Buchbranche (auf den amerikanischen Markt bezogen) und etwas Liebeserklärung an das Printbuch).

Da mich Andrea Weißbrod mich mit ihrer Herangehensweise an Madame de Pompadour überzeugt hatte, kam der Krimi "Tote Väter" mit. In "Doctors - Who's Who?" geht es um die Serie Doctor Who, genauer gesagt um die Schauspieler, den den Doctor über die Jahre gespielt haben. Was Doctor Who angeht: In diesem Monat habe ich auch eine Biographie von und über Elisabeth Sladen als ebook gekauft. Sie hat die Begleiterin Sarah-Jane des 3. u. 4. Doktors gespielt, tauchte beim 9. Doktor noch einmal auf und bekam die Hauptrolle in einem spin-off.

Während meines Urlaubs in Cuxhaven war ich in zwei Buchhandlungen und aus jeder habe ich ein Sachbuch mitgenommen. Ich kam weder an dem Reclam-Lexikon (griechische u. römische Mythologie) vorbei noch an "Das Zeugenhaus", in dem während der Nürnberger Prozesse Zeugen der Anklage und der Verteidigung untergebracht waren; in diesem Buch lese ich gerade.

Oh, ich habe ja auch "The Legend of Sleepy Hollow" by Washington Irving, read by Tom Mison, für lau bei audible geladen und tatsächlich auch gehört. Gut - und verständlich - gelesene nette kleine Kurzgeschichte. Spannend, was aus ihr in Film und TV gemacht wurde ;) Ich schaue derzeit "Sleepy Hollow" auf Pro7 Maxx und mag es.


2) Die Winterkatze hat bei sich  im November 2014 mehr oder weniger eine neue Kategorie eingeführt, die "SuB-trahiert" heißt. Es geht darum, sich bewusst u. gezielt um länger im SuB liegende Titel zu "kümmern". Das hat mir so gut gefallen, dass ich mich anschließe. Ich hoffe, ich bekomme das regelmäßig hin. :) Im Januar hatte ich mir vorgenommen, sonntags mindestens einen schon länger im SuB liegenden Titel anzulesen. Das klappte ganz gut (wenn auch nicht immer sonntags *g*):


print:
1) "Der Tiger" von John Vaillant hatte ich mir nach einem Blick auf Pashienos Fotos (klick) aus dem TuB geschnappt, meine Nachlese ist online.
2) "Die Mittwochsbriefe" von J.F. Wright habe ich sehr zügig an einem Nachmittag durchgelesen. Es ist kein Briefroman, wenngleich immer wieder vom Ehemann geschriebene Briefe im Verlauf der Geschichte "zitiert" werden. Die drei erwachsenen Kinder finden diese Briefe, nachdem ihre Eltern mehr oder weniger zusammen über Nacht eingeschlafen sind. Ich fand die Geschichte in Teilen nicht überzeugend (z.B. Malcoms "Temperament" und dann dieses Ende) und in Teilen vorhersehbar rührselig (Briefe, der Abschluss von mind. zwei Handlungsbögen). Die Geschehnisse auf dem Friedhof kamen nur noch hinzu: welch praktisch passendes spontanes timing etc. Das war insgesamt nicht meins.
3) "Vollidiot" von Tommy Jaud habe ich angelesen, dann andere Seiten aufgeschlagen und noch mehrfach hineingelesen, zugemacht und weggelegt. Interessierte mich nicht, reizte mich nicht, abgebrochen.
4) "Der Tod hat schwarze Tatzen" von C.A. Morgan war ... okay. Die ermittelnde Polizistin war schon wegen der Katzen daheim sympathisch, ihre Zwangsassistentin war eigentlich auch in Ordnung. Aber das Benehmen der beiden auf der Insel und das ach so tolle Wochenendgehabe danach fand ich eher befremdlich angesichts der Tatsache, dass die beiden anlässlich eines Events auf einer Insel binnen zwei Tagen mehrere unschöne Leichen finden. Mehr aus dieser Reihe (es war Geschenk einer Kollegin) brauche ich nicht.


Währen des Urlaubs in Cuxhaven habe ich mich mit schon länger auf dem ebook-reader schlummernden Titeln beschäftigt:
5) "Quiet Earth" by Craig Harrison (Nach-Lese folgt),
6) "The Philosopher and the Wolf" by Mark Rowlands (Nach-Lese folgt, hatte ein zwei Aspekte, die mir tatsächlich das ganze Buch etwas verleideten)
7) "The great Detectives" von William S. Shepard (hierbei handelte es sich um vier Essays über eine Auswahl von literarischen Gestalten und ihre Schöpfer: Vidocq (Vidocq), Dupin (Poe), Holmes (Conan Doyle), Mr. Bucket (Dickens), Sergeant Cuff (Collins), Poirot u. Marple (Christie), Wimsey (Sayers), Maigret (Simenon), Spade (Hammett) u. Marlowe (Chandler). Es ist eine gut zu lesende, nette kleine Abhandlung, in der anhand dieser Charaktere u. ihrer Schöpfer im Grunde etwas die Entwicklung des Kriminalromans aufgezeigt wird. Es gibt kursorische biographische Details der Schöpfer u. Beispiele aus den Romanen, wobei der Autor trotz Inhaltsangaben im Großen und Ganzen die Spoilergefahr im Blick behält.

Doch, ich bin zufrieden mit der SuB-trahiert Sparte in diesem Monat. ;) Alle im Januar 2015 gelesenen bzw. gehörten Titel findet ihr in meiner Leseliste 2015.

"Frauen einfach genial - 14 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben" von Barbara Sichtermann u. Ingo Rose

Eher zufällig bin ich beim Surfen auf das Hörbuch "Frauen einfach genial - 14 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben" von Barbara Sichtermann u. Ingo Rose gestoßen, wobei mir der Name Barbara Sichtermann bekannt vorkam. Das war auch kein Wunder, hatte die Winterkatze doch in ihrer Sachbuch-Challenge 2014 von dieser Autorin "Gerstenbergs 50 Klassiker - Autorinnen" als Buch und Hörbuch vorgestellt (klick). :)

Um ganz so viele Erfinderinnen geht es hier nicht, sondern nur um 14 Frauen. Diese werden auf zwei CDs (rd. 160 Minuten) vorgestellt und ich hatte mir diese Hörbuchausgabe für meine Urlaubs-Autofahrt nach Cuxhaven herausgelegt. Und ich muss sagen, es war sehr informativ.

In prägnanten Abschnitten - ich habe nicht auf die Uhr geschaut, vielleicht jeweils ca. 10 Minuten? - werden die 14 Erfinderinnen und ihre Ideen vorgestellt. Dabei handelt es sich um

- Barbe-Nicole Clicquot (Rüttelpult)
- Florence Nightingale (Tortendiagramm)
- Josephine Cochran (Spülmaschine)
- Käthe Paulus (Paketfallschirm)
- Margarete Steiff (Teddy)
- Mary Anderson (Scheibenwischer)
- Melitta Bentz (Kaffeefilter)
- Maria Montessori (Einsatzzylinderblöcke)
- Hedy Lamarr (Frequenzsprungverfahren)
- Marion Donovan (Einwegwindel)
- Bette Graham (Liquid Paper)
- Mary Quant (Minirock)
- Anita Roddick (Body Shops)
- Martine Kempf (Katalavox


Von den genannten Frauen waren mir nur Maria Montessori, Hedy Lamarr, Margarete Steiff und Florence Nightingale sowie Melitta Bentz bekannt. Aber selbst bei diesen mir vertrauten Namen gab es für mich Neues zu entdecken. Hedy Lamarr sagte mir nur als Filmschauspielerin etwas, mit dem Frequenzsprungverfahren (Zusammenhang mit bluetooth) hätte ich sie wie viele andere nie in Verbindung gebracht. Montessori-Schule - klar, sagt mir das etwas, aber ich hatte mich bislang nicht mit der Frau - einer Ärztin - beschäftigt. Oder weshalb Florence Nightingale die Damit der Lampe genannt wurde, habe ich z.B. auch erst hier erfahren.

Daneben gab es für mich weitere Erfinderinnen zu entdecken. ;) Wie dankbar bin ich haushaltstechnisch Josephine Cochran oder aus Jobgründen Bette Graham (ich habe noch auf einer mechanischen Schreibmaschine gelernt und selbst heute kommt die elektronische Schreibmaschine bei manchen Formularen im Büro noch zum Einsatz, lach). Martine Kempf finde ich äußerst faszinierend, hochintelligent und fachübergreifend interessiert (Katavalox ist ein von ihr neben ihrem Studium entwickeltes Spracherkennungssystem für Körperbehinderte, das u.a. in Kraftfahrzeugen zum Einsatz kommt).

Ich fand die Länge der einzelnen Abschnitte und die das Kapitel abschließende kurze Musikunterbrechung sehr passend. Durch die überschaubare Länge konnte ich auch mehrere Kapitel "aufnehmen" ohne das Gefühl zu haben, ich würde die Erfinderinnen durcheinanderbringen (vermutlich wäre es auch ein gutes Hörbuch für kürzere Autofahrten). Die informative und verständliche Erläuterung der Idee(n) bzw. Erfindung(en) wird jeweils mit einem biografischen Abriss zur Person und einen Blick auf die weitere Entwicklung (Person/Firma/Idee) kombiniert. Katja Schilds Stimme ist dabei klar, zurückhaltend und sehr angenehm zu hören.

Das Hörbuch beruht auf dem Bildband "Frauen einfach genial" (klick), in welchem jedoch vier weitere Erfinderinnen vorgestellt werden. Ob und in welcher Weise die Texte zu den 14 Erfinderinnen für die Hörbuchumsetzung gekürzt wurden, vermag ich mangels Kenntnis des Buches nicht zu sagen. Vielleicht werde ich mir auf Dauer noch den Bildband ergänzend besorgen.

Donnerstag, 29. Januar 2015

"The Art of Asking" by Amanda Palmer

Amanda Palmer. Ja, ich gebe es zu: Hätte ich nicht Neil Gaimans Blog abonniert, wäre mir dieser Name nicht bekannt. Und ich hätte auch nicht gewusst, dass Amanda Palmer das Buch "The Art of Asking" geschrieben hat. Dann bin ich dem Titel wieder begegnet, dieses Mal bei einer Instagram-Nutzerin. Sie hat mir empfohlen, mal in den TED-Clip hinein zu schauen, in welchem Amanda Palmer über die Themen des (späteren) Buches spricht. Den Clip selbst habe ich damals in Gaimans Blogbeitrag ignoriert. Ich habe das Anschauen dann nachgeholt (hier ist er übrigens (klick)) und die Aufzeichnung hat mich auf das Buch neugierig gemacht.

Ich habe anlässlich der Lektüre auch in ein paar Musikvideos von Amanda Palmer hineingeschaut bzw. gehört. Ihre Musik trifft nicht meinen Geschmack, auch wenn mir z.B. die ruhigeren Songs wie "In my mind" oder "The perfect fit" durchaus ansprachen. Neben der musikalischen Komponente gibt es jedoch mehr, nicht nur die Songtexte, sondern auch mit den Konzerten verbundenen "Acts" oder lebende Statuen (besonders ihre "Eight-Food-Bride"), von denen sie in ihrem Buch erzählt. Es enthält neben begleitenden Fotografien übrigens auch Songtexte, z.B. dankenswerterweise "Girl Anachronism": In diesen Clip habe ich nur kurz hineingeschaut; z.B. dieser Text wäre mir entgangen. Das wäre schade gewesen, denn die Wahrnehmung dieses und der anderen Texte lohnt sich.

Der Titel "The Art of Asking" klingt nach einem Ratgeberbuch. Das ist es und ist es doch wieder nicht. Zwar können Interessierte aus dem Buch durchaus Anregungen entnehmen, wie man bestimmte Dinge angehen kann (sei es die Kommunikation mit den Fans, sei es das Kickstarter-Handling) oder dass Selbstzweifel und Unsicherheiten Teil des Weges sind. Allerdings ist über das gesamte Buch hinweg deutlich, dass es sich um persönliche, teils sehr private Erfahrungen handelt, die Amanda Palmer freiwillig mit Fans und anderen geteilt hat bzw. in dem Buch erstmals teilt. Sie erzählt von der Entwicklung ihrer künstlerischen Karriere, Selbstzweifeln, Crowdsurfing, dem Netzwerken, von ihren Fans, Freunden und auch davon, wie sie ihren späteren Ehemann Neil Gaiman kennenlernte.

Gerade da mir Amanda Palmer als Musikerin nicht wirklich nahe ist und ich mich vor diesem Hintergrund weder für Netzwerken oder Kickstarter interessiere, war es im Grunde diese private Ebene, die mich als Leserin ansprach. Und diese "Zugangsebene" reichte aus, um mir Amanda Palmer "einfach als Künstlerin" nahe zu bringen. Ich fand es bereits interessant zu erfahren, was sich Amanda Palmer sich für ihren Akt als lebende Statue überlegt hat und welche Erfahrung sie dabei z.B. auch in Regensburg machte. Die Blickrichtung (Straßen-)Künstler zum Publikum hin war für mich neu. Dabei kommen auch kleine Details zur Sprache, z.B. weshalb Amanda Palmers Augenbrauen so aussehen wie sie aussehen oder wie es dazu kam, dass sie eine Ukulele spielt.

Natürlich war ich neugierig, ob und in welcher Weise sie über ihre Beziehung zu Neil Gaiman spricht, weil ich seine kreativen Arbeiten nun schon mal kenne. Die Autorin - und ihr Ehemann - gewähren dem Leser tatsächlich immer wieder kleinere Einblicke, die, wie ich finde, in ihrer Auswahl erstaunlich viel über die Beziehung an sich offenbaren, über Neil Gaiman (bislang habe ich nichts Biographisches über ihn gelesen) und natürlich über Amanda Palmer (im Zusammenhang mit den weiteren privaten Einsichten im Buch ist das jetzt natürlich nicht ganz so erstaunlich ;)).

"The Art of Asking" hat mir einen Blick in Amanda Palmers privates Leben gewährt, mich etwas in ihre künstlerische Szene (incl. Plattenlabel, Kickstarter Alkonhol) eintauchen und ihre künstlerische Arbeit mit negativen und positiven Aspekten kennenlernen lassen. Sie ließ mich teilhaben an ihren Gedanken über den Wert eines Künstlers - ob nun als lebende Statue auf der Strasse oder als Couch-/Crowdsurferin sowie über das Wahrnehmen einer Person (das ließ mich auch an "The Artist is present" (klick) denken). Mir erscheint Amanda Palmer in ihrer Kreativität laut (in Musik u. Meinungsäußerung) und leise (Statue, Musik); sie ist kommunikativ, sie bittet, nimmt, gibt aber auch auf mehreren Ebenen.

Ein Fan ihrer Musik bin ich trotz des Buches nicht geworden. Ich habe auch nicht begonnen, ihr aktiv in den sozialen Medien zu folgen. Vermutlich werde ich (auch) in Zukunft nur von ihr hören, wenn ihr Ehemann sie in seinem Blog erwähnt. Ich finde das nicht schlimm und bezweifle, dass Amanda Palmer damit ein Problem hat. Ihre und meine Sphäre überschneiden sich halt nur in einem Bereich. ;) Die Lektüre von "The Art of Asking" fand ich trotzdem faszinierend und den Menschen Amanda Palmer lebendig und stark. Soweit sie mich ließ: I saw you.

Sonntag, 11. Januar 2015

"Der Tiger" von John Vaillant

Ich bin Winterkatzes Empfehlung gefolgt und habe mir nach meinem letzten gelesenen Sachbuch (Inuit) einen Titel gegriffen, der sich schon länger in meinem TuB befand: "Der Tiger" von John Vaillant. Ich lasse den deutschen Untertitel des Buches hier ganz bewusst weg, weil er nur auf einen Aspekt Bezug nimmt und dabei "absolut" klingt. Meiner Meinung nach hätte sich der Verlag an den englichen Untertitel halten sollen  "A True Story of Vengeance and Survival" (vielleicht: Eine wahre Geschichte von Rache und Überlebenskampf).

John Vaillant ist Journalist und Autor, der auch schon für National Geographic gearbeitet und nicht nur den vorliegenden Titel publiziert hat. In "Der Tiger" geht um die Vorkommnisse im Dezember 1997 in Sobolonje, einer kleinen Holzfällersiedlung, die sich in der Taiga im Fernen Osten Russlands befindet.

Juri Trusch ist Leiter einer Einsatzgruppe der russischen "Inspektion Tiger" und wird als solcher nach Sobolonje wegen eines Vorfalles mit einem Amur-Tiger gerufen. Die "Inspektion Tiger" ist eine Art Wildhüter-Organisation betreffend Wild und Wald, wobei der Schwerpunkt auf dem Tigerschutz liegt - nicht nur wegen der Wilderei "zum Eigenbedarf", sondern besonders wegen des Handels mit Tiger-Produkten. Im Dezember 1997 fährt Trusch mit seinen Leuten zur Hütte des Wilderers Markow. Was sich dort aus den Spuren ergibt, ist erschütternd und beängstigend und wirft Fragen auf: Offenbar hat ein Amur-Tiger vor der Hütte des Wilderers Markow gezielt auf diesen gewartet; die Männer finden Markows wenige Überreste im Wald. Sie finden weitere Hinweise, dass der Tiger an Markows Hütte Inventar mit Markows Geruch zerstört hat. Auch wenn der Tiger eine Raubkatze mit Revierverhalten ist und eine beängstigende Fähigkeit zur Abstraktion hat, ist dieses Verhalten ungewöhnlich. Einer der Männer stellt die Frage: Warum war der Tiger so wütend auf Markow?!

Wie sich im Verlaufe des Buches zeigt, ist die Frage gar nicht so abwegig. Anhand von Interviews, der Sichtung des Videomaterials, welches Juri Trusch aufgenommen hat, und umfangreicher weiterer Recherche zeigt John Vaillant das Lebensumfeld besonders der Amur-Tiger, aber auch anderer Raubkatzen, die z.B. in der Wüste leben. Dabei geht es auch immer um die Menschen, die sich den Lebensraum mit den Raubkatzen teilten und teilen, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tiger und auch, wie sich die Entwicklung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf diesen Lebensraum und die Lebewesen in ihm auswirkten und weiterhin auswirken.

Der Autor beschränkt sich also nicht darauf, über die "Ermittlungs"-Arbeit und Jagd der Inspektion Tiger im vorliegenden Fall zu berichten. Er beleuchtet insbesondere die Lebensbedingungen in Sobolonje, die herrschende Armut, das Klima, das Verhältnis und die Bindung der Einwohner zum Land (zu "Mütterchen Russland" oder "Mutter Taiga") und zur Fauna, insbesondere zum "Zar der Tiere", dem Tiger. Auch die Lebensläufe der Beteiligten mit Konzentration auf Trusch, Markow und Potschepnja (einem weiteren Opfer) flicht Vaillant ein und zeigt so, wie Markow zum Wilderer wurde oder warum Potschepnja in den Wald ging. Und natürlich bleibt auch der Tiger nicht außen vor, auch wenn sich diese Informationen aus den Spuren ergeben, die die Opfer, der Schnee, Beschädigungen an Hütten etc. liefern. Hinzu kommen immer wieder Erläuterungen zur Entwicklung Russlands, dem Verhältnis zu China, Ausführungen zu Raubkatzen anderer Gegenden, Gespräche mit anderen Jägern, Forschern, anthropologische Betrachtungen, Tierschutz etc. Durch diese recht umfassende Gesamtschau verlor das Buch für mich leider ein wenig an Kraft und Schwung.

Versteht mich nicht falsch: Grundsätzlich fand ich jedes der von Vaillant eingebrachten Details interessant, aber die Informationsfülle zu unterschiedlichen Lebens- und Wissensbereichen fühlte sich für mich schon enorm an (das Buch bringt es auf 432 Seiten (davon 8 Farbfotoseiten) + einer Leseprobe zu einem weiteren Werk des Autors). Dabei wurde der Kernbericht des Buches, also die Verfolgung des angreifenden Amur-Tigers, nach meinem Empfinden in manchen Bereichen auseinandergezerrt. Manchmal musste ich nach seitenweisen Informationen über Kosaken oder früheren Jagdgeschehnissen suchend zurückblätternd, weil ich nicht mehr vor Augen hatte, wer eine beteiligte Person im aktuellen Geschehen war oder wo sich der Tiger gerade befand. Dass dies notwendig war und mich verlangsamte, störte mich. Dennoch war es eine faszinierende Lektüre, besonders über den Amur-Tiger und den Überlebenskampf von Mensch und Tier in der russischen Taiga. Dazu trägt auch der grundsätzlich flüssige und gut lesbare Erzählstil Vaillants incl. der Übersetzung ins Deutsche bei, alledings nichts ohne Ausnahmen:  Was, z.B., ist ein empathischer Kugelschreiber und hat er sich während der Übersetzung entwickelt? ;)

Leseprobe: klick
Videotrailer (klick)