Sonntag, 22. Februar 2015

"Am Beispiel der Gabel - Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" von Bee Wilson

Auf den Titel bin ich im Rahmen von Winterkatzes letztjähriger Herbstleseaktion gestolpert, als ihn Cat auf A.Disias Blog im Kommentar erwähnte. Und ich konnte nicht lange widerstehen. Das Buch "Am Beispiel der Gabel - eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" von Bee Wilson zog noch letztes Jahr bei mir ein und ich habe sehr viel Neues erfahren.

Bee Wilson hat vermutlich recht, wenn sie schreibt, dass es etliche Bücher über die Technikentwicklung gibt, allerdings kaum eines über die der Kochtechnik. Nahrungsaufnahme ist ein Grundbedürfnis. Dass und wie der Mensch Nahrung zubereitet, die Verbesserungen und Erfindungen in diesem Zusammenhang waren und sind eng verflochten mit unserem Leben. Aus diesem Blickwinkel hatte ich noch nie über eine Pfanne oder einen Topf nachgedacht oder mir einen Holzlöffel genau angesehen, wie es Bee Wilson direkt in der Einleitung tut.
 
Wie wir essen und dass und wie sich die verwandten Mittel verändert haben, hängt natürlich zusammen. Konsequenterweise findet man in diesem Buch, wie es z.B. zu der Entwicklung des Tafelmessers kam und warum. Die Autorin spürt zudem aber der Frage nach, welche Beziehung wir zu Messern haben, welche Art von Kochtechnik sich im Zusammenhang mit den Ressourcen und kulturellen Gegebenheiten entwickelte, wie sich beides bedingte (z.B. welche Arbeit vor dem eigentlichen Kochen ein chinesischer Koch verrichtet oder ein englischer oder französischer Koch). Auch wenn die (Tafel-)Gabel ein interessantes Essbesteck ist, ich fand das Messer oder auch den Löffel im Zusammenhang, wie wir essen und - besonders beim Messer - welche Küche sich entwickelte, viel interessanter. Diese Esswerkzeuge hätten für mich die Gabel im Titel prima ersetzen können. ;)

Die Autorin geht in verschiedenen Kapiteln auf die Entwicklung in und um die Küche ein, nämlich
- "Töpfen und Pfannen" (ich fand es spannend, welche natürlichen Ressourcen hier zur Anwendung kamen, die noch heute genutzt werden, oder wie Bedarf u.Entwicklung von Kochgeschirr auseinanderfielen),
- "Messer" (z.B. äußert sie eine Theorie, weshalb viele Menschen im Gebrauch mit scharfen Messern eher schlecht sind und ich habe erfahren, weshalb spezielle Fischmesser aus Silber entwickelt wurden),
- "Feuer" (z.B. geht es darum, welches Kochgeschirr sich im Zusammenhang mit Feuer entwickelt hat oder welche Möglichkeiten genutzt wurden, um große Bratenspieße zu drehen (schlimm)),
- "Messen" (z.B. die Angaben auf alten Rezepten können eine ziemliche Herausforderung sein - für uns heute; ich fand es z.B. interessant zu erfahren, wie man früher die Zeit bestimmt hat, in der etwas kochen sollte),
- "Zerkleinern" (hier geht es z.B. um das Mörsern oder den Schneebesen, die früheren Ansprüche an die Konsistenz, aber auch z.B. die moderne Fusionsküche),
- "Essen" (in diesem Kapitel hätte ich gern ergänzend ein paar vergleichende Illustrationen gehabt, um die Veränderungen beim Löffel oder der Gabel (sie der Nutzung geschuldet oder der Politik) zu sehen; 
- "Eis" (wo es u.a. um das Aufkommen der Kühlung geht),
- "Küche" (z.B. die Entwicklung zum Raum im heutigen Sinne; ich fand z.B. die effizienten genormten Frankfurter Küchen des frühen 20. Jahrhunderts" interessant).

Komplettiert wird das Buch durch ein Nachwort der Autorin, in welchem sie weiterführende Literatur angibt.

Ich will nicht verschweigen, dass es in dem Buch ein paar Wiederholungen gibt,z.B., indem die Autorin frühere Erwähnungen (wie den Holzlöffer der Einleitung oder Messer und Kochkultur) aufnimmt. Ich habe sie bemerkt, finde sie aber vor dem Hintergrund, dass die Themen eng miteinander verflochten sind, nicht schlimm. Nicht überraschend fand ich nicht jedes Kapitel gleichermaßen faszinierend, wie z.B. die Ausführungen zu den Kühlschränken, was jedoch eher meinen persönlichen Interessen geschuldet ist. Insgesamt habe ich, wie eingangs schon erwähnt, viel Neues in dem Buch gelernt, wozu auch gehört, dass der Dosenöffner erst lange nach Erfindung der Konserven erfunden wurde. :) Ich weiß jetzt auch, dass der Löffe, den ich heute zum Mund führe, einen Kompromiss darstellt.

Und auch wenn ich gern ein paar Illustrationen oder Fotos gehabt hätte - so liebevoll gestaltet die Absatztrennungen auch sind -, gefiel mir "Am Beispiel der Gabel" wirklich gut. Bee Wilson hat immer wieder persönliche Erlebnisse eingeflochten, weshalb ich das Buch in der Gesamtschau informativ und auch unterhaltend empfand, zumal ich mich in ein paar von ihren Beispielen wiedergefunden habe. Ich benutze beispielsweise noch heute Holzlöffel und Holzspaten, obwohl ich auch mal einen Pfannenwender aus Silikon hatte, der irgendwann - wie andere Kochwerkzeuge - in einem Schrank verschwand und nie wieder auftauchte. :)

"Unsere Küchen sind voller Geister. Man mag sie nicht sehen, aber ohne ihren Einfallsreichtum könnte man nicht kochen, wie man es tut: ohne jene Töpfer, die uns das erste Mal die Zubereitung von Gekochtem und Gesottenem ermöglichten, ohne die Messerschmiede, ohne die genialen Ingenieure, die für die Entwicklung der ersten Kühlschränke erforderlich waren; ohne die Wegbereiter der Gas- und Elektroherde, ohne die Hersteller von Waagen; ohne die Entwickler von Quirlen und Schneebesen".
Bee Wilson in "Am Beispiel der Gabel - Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge" S. 347 der 1. Aufl.2014 der deutschen Ausgabe des Insel Verlag Berlin in der Übersetzung von Laura Su Bischoff, ISBN: 978-3-458-17619-0


Dienstag, 10. Februar 2015

"The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness" by Mark Rowlands

Es ist schon einige Zeit her, dass ich von Mark Rowlands "Der Leinwandphilosoph" gelesen habe. Dort nahm sich der Autor verschiedene Science-Fiction-Filme vor und stellte dazu philosophische Thesen auf, z.B. "Hollow Man" und die Frage, ob man überhaupt moralisch sein sollte. Ich fand das Buch damals unterhaltsam und originell. Irgendwann sah ich, dass Mark Rowlands ein Buch über Zusammenleben mit einem Wolf geschrieben hatte und so landete der Titel vor einiger Zeit auf meinem ebook-reader.

Eine Warnung vorweg:
Ich gehe nachfolgend auf meine Probleme mit dem Buchinhalt (z.b. Grundlage der Ausführungen des Autors) und auch mit dem Autor ein, und zwar durchaus konkret. Wer das Buch erstmals "unbelastet" selbst lesen möchte, der sollte vielleicht an dieser Stelle mit der Lektüre dieses Beitrages aufhören.

Okay?

Dann los:

Ich hatte mir den Klappentext von "The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness" by Mark Rowlands nicht genau durchgelesen, weshalb mich der Ankauf des Wolfswelpen durch den Autor, nun ja, überraschte.

Mark Rowlands hatte eine Anzeige gelesen, in der angegeben war "96prozent", was bedeutet, dass keine reinrassigen (100%) Wölfe zum Verkauf standen. Als der Autor beim "Züchter" stand, wurde ihm aber schnell klar - was zudem auch die Züchterinformationen vor Ort über die Elterntiere vermittelten -, dass es sehr wohl um reinrassige Wölfe ging. Der Züchter hatte ein Wolfspaar "mitgebracht" und jetzt zu Hause das, was ich mir unter einem kleinen Wolfsrudel vorstelle: Ein Elternpaar mit einem Wurf Junge. Der Autor kaufte eine Wolfswelpe und nannte ihn Brenin. Dieser Kauf war schon damals illegal und Mark Rowlands offenbar auch bewusst; so lese ich seine Schilderung jedenfalls. Hierzu passt auch, dass der Autor Brenin später immer als Wolfshybriden oder Mamalut (z.B. in Irland) ausgab. Selbst wenn er "offziell" nicht wusste, dass der Kauf verboten war, so wird ihm eine entsprechend hohe Wahrscheinlichkeit sicher vor Augen gestanden haben.

Ganz ehrlich: Dieser Kauf hat das Buch und seine Inhalte für mich stark überlagert. Bei dem Buch "Meine Wildkatzen" von Frau Heide-Marie Fahrenholz war das für mich nicht der Fall, denn in der damaligen Zeit war der Ankauf von Wildkatzen (leider) nicht verboten - und die Autorin hat sich intensiv um diese Tiere gekümmert, Fremdtiere aufgenommen und nie ein Hehl daraus gemacht, um was für Tiere es ging. Hier aber kauft ein Mann (okay, zwar noch jung, aber immerhin lehrte er bereits an einer Uni) einen reinrassigen Wolfswelpen (wobei ich davon ausgehe, dass er von dem Kaufverbot zu diesem Zeitpunkt wusste), nimmt ihn mit nach Hause, gibt ihn später immer als Nicht-Wolf aus, nimmt ihn z.B. mit in Vorlesungen und gibt den Hinweis an die Studenten aus, dass der Wolf nicht beachtet werden soll, er ungefährlich ist und man Nahrungsmittel bitte sicher verpacken möge. Rowlands erwähnt in seinem Buch, er habe lange für das Verarbeiten der "Lektionen" und Gedanken und ihrer Formulierungen für das Buches gebraucht, fast 15 Jahre. Ich tue dem Autor möglicherweise Unrecht, aber ich bin trotzdem nicht in der Lage, in diesem Zusammenhang das Wort Verjährung aus meinen Hinterkopf zu bekommen. Vermutlich würde ich nicht so auf diesen Umständen herumreiten, wenn Rowlands eine Wolfswelpe im Rahmen einer Organisation zur Rettung von Wölfen von illegalen Händlern oder ähnlich zu sich genommen hätte. Oder wenn er in dem Buch davon berichtet hätte, dass er den "Züchter" angezeigt hat. Oder wenn er sich auf irgendeine Weise um Brenings Wurfsgeschwister gekümmert hätte (wenigstens in dem Sinne, dass er weiß, welches Schicksal sie hatten). Oder wenn er auch über die anderen von Brenins Nachkommen, die aus einer ungeplanten Begnung mit einer Schäferhündin entstanden sind, im Buch verlautbart hätte und nicht nur über das eine Tier, dass er zu sich nahm. Nun, der Autor erwähnt zumindest, dass er sich mehr als eine Wolfswelpe nicht leisten konnte, dass die Halter der Schäferhündin finanziell von dem Wurf profitierten und dass er sich nicht überwinden konnte, Brenin zu kastrieren. ...

Es ist wahrlich nicht so, dass ich die Faszination des Autors für Wölfe im Allgemeinen und Brenin im Besonderen nicht nachvollziehen könnte. Es hat einen Grund, weshalb ich dieses Buch gekauft habe (keine Ahnung, ob ich das auch getan hätte, wenn mir zu diesem Zeitpunkt der Wolfskauf bewusst gewesen wäre). Wenn ich in einem Wildgehege Wölfe sehe - was selten genug ist, weil sie so in Bewegung sind - oder in Dokumentationen, bin ich total fasziniert. Ähnlich wie bei Wildkatzen würde ich ihnen am liebsten sehr nahe kommen und sie beobachten. Rowlands "nutzt" seine Gelegenheit: Er nimmt den Wolf mit nach Hause, bringt ihm Grundkommandos bei, gewöhnt ihn an die Leine, nimmt ihn - mit wenigen Ausnahmen - im Grunde überall mit hin. Die Bindung und Beziehung zwischen ihm und dem Wolf funktioniert. Rowlands Zuneigung zu Brenin ist durch das ganze Buch hindurch deutlich spürbar, sie steht für mich außer Frage. Und natürlich hat es mich auch fasziniert, berührt und bewegt, was Rowlands über sein und Brenins Leben erzählt, unabhängig davon, wie Brenin zum Autor gekommen ist.

Gut elf Jahre lebt Brenin bei dem Autor und diese gemeinsame Zeit inspirierte den Autor, dieses Buch zu mit mit philosophischen Fragen und Überlegungen zu schreiben. Dabei geht es u.a. darum, was "Glück" ist, ob und welcher Art "Verträge" Menschen mit sich oder auch mit der sie umgehenden Natur schließen (sollten), was es mit dem Sinn oder Wert des eigenen Lebens auf sich hat und welche Art von Liebe man empfindet. Seine Überlegungen und Schlussfolgerungen dazu fand ich grundsätzlich interessant zu lesen. Rowlands bringt seine Gedankengänge mit Beispielen versehen und recht verständlich zu Papier; es ist Sache des Lesers, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Allerdings ging mir dazu u.a. Folgendes durch den Kopf:

Rowlands erklärt, dass der Wolf Brenin ihm Lektionen erteilt ha t("Lessons from the Wild") und das will ich weder bestreiten noch abwerten. Allerdings war Brenin zwar ein reinrassiger Wolf und auch noch wild. Aber zwischen Brenin und einem im Rudel (oder allein) in der für ihn natürlichen Umgebung (sprich: Wildnis) lebenden Wolf besteht mehr als ein Unterschied. Brenin kam als Welpe zum Autor und hat eine besondere Bindung zu diesem Menschen aufgebaut; er war an menschliche Gesellschaft (nicht nur des Autors) gewöhnt, er lebte im Haus (nicht in einem - weitläufigen - Gehege) und gehorchte gewissen Regeln. Deswegen denke ich, dass man ausgehend von Brenin nicht ohne Weiteres Rückschlüsse auf das Verhalten des Wolfes im Allgemeinen, also in seiner natürlichen Lebensart  - denn so lesen sich Rowlands Ausführungen für mich in diesem Buch - ziehen kann. Dagegen basisert das, was Rowlands vergleichsweise über das Verhalten von Menschenaffen schreibt, auf deren Leben in zumindest natürlicherer Umgebung als derjenigen, in welcher Brenin (bei ihm) lebt. Ich habe dem Buch nicht entnehmen können, dass Rowlands Wölfe in ihrer natürlichen - oder zumindest in einer dieser stärker ähnelnden - Umgebung beobachtet und dann Vergleiche mit Brenin gezogen hat.

Ein anderer Punkt ist, dass Rowlands einige Fragen im Zusammenhang mit dem Wolf nach meinem Empfinden zwar vordergründig benennt - z.B. dass es eine legitime Frage sei, wie er den Kauf des Wolfes rechtfertige -, um eine wirkliche Antwort aber herumschreibt. Eine rationale Rechtfertigung gibt es vermutlich auch nicht, auch wenn der Autor anführt, dass ein wildlebendes Tier halt alle Möglichkeiten nutzt, die ihm zur Verfügung stehen. Er führt hier als Beispiel einen Fuchs an, der in einer Ferienanlage Futter sucht und findet; der Fuchs nutzt halt diese Möglichkeit, Brenin hätte die ihm gegebenen genutzt. Diese Überlebensstrategie will ich grundsätzlich auch nicht bestreiten. Nur: Der Fuchs war ein wildes Tier in seiner natürlichen Umgebung, selbst wenn zu dieser die Ferienanlage gehörte (ich denke da z.B. auch an Wildtiere in Städten). Der Fuchs (und seine Eltern) wurden vermutlich nicht von Menschen "aufgenommen" und vorrangig der Umwelt "Ferienanlage" ausgesetzt mit täglichen Ausflügen in einen Wald oder Park, nachdem die Fuchswelpe ein paar Grundregeln im Zusammenleben mit Menschen gelernt und eine Bindung zu den Menschen aufgebaut hatte. Nach meinem Dafürhalten werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. 

Wie schon erwähnt, hat nicht nur die Art und Weise, wie Rowlands zu Brenin gekommen ist, das Buch für mich "überschattet", auch wenn ich die philosophischen Überlegungen (mit Vorbehalt, siehe vorstehend) anregend und die Berichte über das Zusammenleben von Mark Rowlands und Brenin interessant fand. Ich hatte leider zudem das Gefühl, dass Mark Rowlands es vermeidet, auf einige wie ich finde wichtige Punkte (Kauf Brenin u. Handel mit Wölfen, Brenins Wurfgeschwister bzw. seine Nachkommen) in Bezug auf seine Motive und sein - ggf. auch unterlassendes - Verhalten konkreter einzugehen. Das finde ich schade, gerade auch vor dem Hintergrund, dass sich der Autor im vorliegenden und in anderen Büchern u.a. mit Moral und Tierethik befasst.

Samstag, 7. Februar 2015

"Das Zeugenhaus" von Christiane Kohl

Während meines Januar-Urlaubs in Cuxhaven schlenderte ich durch das dortige Lotsenviertel und landete in einer kleinen knuffigen Buchhandlung. Beim Stöbern habe ich "Das Zeugenhaus" von Chrstiane Kohl entdeckt. Der Klappentext klang interessant: In diesem Zeugenhaus waren während der Nürnberger Prozesse sowohl Zeugen der Anklage als auch der Verteidigung untergebracht, und das durchaus auch gleichzeitig.

Die Autorin führt in das Thema ein und berichtet, wie sie auf dieses Zeugenhaus aufmerksam und ihre Neugierde geweckt wurde. In den Gesprächen mit der ersten Gastgeberin dieses Zeugenhauses, der Gräfin von von Kálnoky (später ging die Leitung an Annemarie von Kleist über), und ersten Recherchen wurde für die Autorin aber deutlich, dass sie intensiver nachforschen muss. Die Gräfin hatte offenbar - bewusst oder unbewusst - ein selektives Erinnerungsvermögen, und nicht alle tatsächlichen Bewohner des Zeugenhauses waren im Gästebuch verzeichnet.

Christiane Kohl beginnt das eigentliche Buch mit der Geschichte der Gräfin von Kálnoky und wie diese von den Amerikanern für die Führung dieses Zeugenhauses rekrutiert und wie die Villa Krüller für dieses Vorhaben requiriert wurde. Im weiteren Fortgang berichtet die Autorin dann über die "Geschehnisse" - dazu später mehr - im Zeugenhaus und bindet Informationen über die dortigen Gäste (biographischer u. politischer Natur, Aussagen/Vernehmungen) und z.B. über den Stellvertreter des Oberanklägers Kempner ein und man kann auch etwas über Prozesstaktiken und -ermittlungen lesen.

Mich interessierten besonders die Zeiten, in denen Opfer wie z.B. der Schriftsteller Kogon, der Journalist Ackermann oder Marie-Claude Vaillant-Couturier (Resistance) im Zeugenhaus auf Täter oder Mitläufer trafen. Im Zeugenhaus waren z.B. über längere Zeit Hitlers Leibfotograf Hoffmann und auch der erste Chef der Gestapo Diels untergebracht, andere Gäste waren Willy Messerschmidt. Auch der Major Lahousen, der sich im Widerstand engagierte, war gerade zu Prozessbeginn länger im Zeugenhaus. Ich fragte mich, ob es zu Problemen zwischen Opfern und Tätern/Mitläufern kam? Schließlich war dieser Umgang der auf verschiedenen Seiten stehenden Zeugen miteinander in diesem Haus erzwungen (ich finde diese von den Amerikanern Unterbringung, die zumindest auch prozesstaktische Gründe im Hinblick auf die Angeklagten hatte, besonders für die Opfer furchtbar). Falls es zu Zwischenfällen kam, war es überhaupt möglich, zu beschwichtigen (die Amerikaner hatten der Gräfin erklärt, sie möge dafür sorgen, dass alles "glatt" laufe im Zeugenhaus)? Besonders, wenn die Zeugen nach ihren - belastenden oder entlastenden und von anderen Gästen gehörten - Aussagen wieder ins Zeugenhaus zurück mussten, weil sie an weiteren Tagen Aussagen zu machen hatten.

Für meinen Geschmack habe ich zu diesen Fragen im Buch zu wenig erfahren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Dinge schwierig bis gar nicht (mehr) recherchierbar waren - hierzu korrespondieren die Erläuterungen, die Frau Kohl im Zusammenhang mit Herrn Kogon macht. Dann aber sollte meiner Ansicht nach das Buch nicht als ein solches angepriesen werden, in welchem "ungeheurlichen Vorgänge im Haus und ... von der dramatischen Verstrickung jedes Einzelnen" (ich lese in diesem Zusammenhang dann gedanklich auch "im Haus") erzählt werden. Denn leider bekam ich - neben durchaus interessanten Einblicken in Teilbereiche des Prozesses - zu den Geschehnissen im Zeugenhaus Vieles präsentiert, was ich als Füllmaterial empfand. So mag es zwar mag grundsätzlich nett zu wissen sein, dass Herr Lahousen z.B. Musikliebhaber ist und Herr Messerschmidt ständig technische Zeichnungen anfertigte. Und ja, ich sehe durchaus, dass diese Menschen hierdurch für den Leser charakterisiert u. personalisiert werden.

Aus meiner Erwartungshaltung heraus interessierten mich diese Aspekte des Lebens im Zeugenhauses aber ebenso wenig wie Flirtversuche und Frauengeschichten z.B. des Herrn Diels, ob Bälle in der Villa Faber-Kastell stattfanden, ob ein amerikanischer Pastor nun ein mehr als christliches Interesse an der Gräfin etc. nicht. Und mit jedem weiteren Satz zu diesen Dingen wurde ich genervter. Und auch die Mutmaßungen darüber, wie sich manche Zeugen in Gegenwart der anderen Gäste wohl gefühlt haben (weil sie nichts dazu verlautbart hatten oder sich noch lebende Zeugen daran nicht erinnern konnten (oder wollten)), waren für mich vor diesem Hintergrund nicht befriedigend. Ich hätte nichts dagegen gehabt, statt Vermutungen und Füllmaterial  einfach einen Hinweis auf mangelnde Ermittelbarkeit zu bekommen und dafür mehr Informationen über die Ankläger, den Hauptprozess und die Folgeprozesse sowie Auswirkungen der Zeugenaussagen.

Auf keinen FAll will ich das Engagement und die Recherchebemühungen der Autorin abwerten. Beides spiegelt sich in dem Buch wieder und ich bin mir sicher, dass sie sich um konkrete Informationen (Geschehnisse im Zeugenhaus) bemüht hat. Und nach der Lektüre kann ich als Leser natürlich leicht "schlauer" sein. Trotzdem: In der Gesamtschau - Titel, Vermarktung, Erwartung, Inhalt - hat "Das Zeugenhaus" mich nicht überzeugt. 

p.s.
Das Buch liefert die Vorlage für die ZDF-Verfilmung "Das Zeugenhaus" (offenbar wurden dabei einige Veränderungen vorgenommen,z.B. in Bezug auf die blonde 36jährige Gräfin vonKálnoky), die letztes Jahr im Fernsehen lief und die ich nicht kenne.

Montag, 2. Februar 2015

"The Quiet Earth" by Craig Harrison

Ich bin wie andere Leser auch über den Film "The Quiet Earth", den ich sehr schätze, auf die zugrundeliegende Geschichte "The Quiet Earth" von Craig Harrison gekommen, die im letzten Jahr endlich als (engl.) ebook veröffentlicht wurde. Die Einleitung im ebook habe ich vorsichtigerweise erst NACH Lektüre des Romans gelesen: Weshalb nur werden diese Art Erörterungen nicht als Nachworte veröffentlicht?! Mal von der Spoilergefahr abgesehen, geben sie häufig eine bestimmte Lesart vor, die man als Leser nicht unbedingt bei der eigenen Lektüre gedanklich ausklammern kann. Es wird dann schon schwierig, Texte unbefangen selbst kennen zu lernen. Dies aber am Rande. ;)

Ich sehe den Film als eigenständig an, als eine auf den Motiven des Romans basierende Geschichte. Letztere habe ich gelesen - und dann gleich noch einmal gelesen: Ich wollte die Romandetails vor dem Hintergrund des Romanendes noch einmal aufnehmen, wobei zum Teil mit hineinspielte, dass das Englische nicht meine Muttersprache ist und ich überlegte, ob mir deshalb ggf. Einzelheiten entgangen sind.

Der Roman beginnt damit, dass der Endzwanziger Hobson im Motel im Bett hochschreckt und eine Welt vorfindet, in der es keinerlei tierisches Leben mehr zu geben scheint. Es ist Sommer in Neuseeland, heiß, kein Wind geht, E-Werke liefern keinen Strom mehr. Ist er wirklich allein? Weshalb er? Was ist passiert?

Ganz bewusst gehe ich nicht weiter auf den Inhalt der Geschichte ein, außer so viel: Sie spielt auf der Erde in und ist in der Gegenwart (1981) verwurzelt.

Ich bin mir sicher, dass ich bei neuerlicher Lektüre wieder Punkte entdecke, die mir wichtig erscheinen, mich zum Recherchieren oder Philosophieren anregen. Vielleicht verlagert sich mein Augenmerk dann weiter vom Erzähler Hobson weg (z.B. auf seinen erinnerten Kollegen Perrin) oder ich denke mehr über Sühne nach, Biologie oder vielleicht über Thermodynamik. Der Punkt ist, dass der relativ kurze Roman diese Möglichkeiten eröffnet. Der Film setzt Teile des Romans um, andere interpretiert er um bzw. schafft andere dramatische Punkte. Aber wie der Roman lädt auch der Film zum "Wiederkommen" ein.

Alles in allem gefällt mir die Geschichte sehr, auch wenn mir der Autor manche Dinge bzw. Ereignisse zu kurz abgeleitet hat, besonders die auslösende Elemente zum Ende hin (im Hotel und nachfolgend).